L.C. Rosen: Camp – Queerfeldein führt auch ein Weg. Vom Schreibtisch

Ein ungewöhnliches Korrektorat

Wieder einmal ist ein Belegexemplar bei mir angekommen. Ich habe das Buch „Camp – Queerfeldein führt auch ein Weg“ von L.C. Rosen korrigiert. Das war deshalb sehr spannend, weil es ein ganz besonderes Buch ist. Nicht nur, was den Inhalt angeht, ich bekam es auch mit ganz neuen grammatikalischen Formen zu tun. Da es darin um queere Jugendliche geht, passt es wunderbar in den #PrideMonth.

Ein verrückter Plan

Randal, genannt Randy, liebt es, jeden Sommer ins queere Sommercamp „Camp Outland“ zu fahren. Dort trifft er seine Freunde von der Musicalgruppe, mit denen er Stunden bei den Proben verbringt. Neben der Schauspielerei liebt er gutes Styling, Glitzer, Nagellack, seine rosa Bettwäsche und seinen Fächer. Doch in diesem Jahr wird alles anders sein. Randy hat sich in Hudson verliebt. Das Problem: Hudson steht auf maskuline Typen. Also hat Randy ein ganzes Jahr lang Sport getrieben, seine Haare kurz geschnitten, sich kantigere Bewegungen antrainiert und sogar seine Stimme verändert. Ach ja, die Musical-Anspielungen in jeden Satz sind nun natürlich auch tabu. Sogar seinen Namen hat er geändert, er reist als Del an. Statt fürs Musical trägt er sich für Sportgruppen ein. Kann das funktionieren? Wird Hudson ihn bemerken und sich für ihn interessieren? Sich bestenfalls in Del verlieben? Denn eins ist für Randy klar: Er wird keine der üblichen Zwei-Wochen-Beziehungen, wie sie Hudson normalerweise hat.

Sich ändern für einen anderen?

Kann das funktionieren? Randy ist davon überzeugt, seine Freunde weniger. Sie haben das Gefühl, dass sich Randy immer weiter von ihnen entfernt. Vor allem, dass er sein geliebtes Musical aufgibt, nur wegen eines Jungen, verstehen sie nicht. Auch die Betreuer können Randys Veränderung kaum glauben und halten nichts von seinem Plan. Doch Randy ist fest entschlossen, sein Ding durchzuziehen, koste es, was es wolle. Koste es, was es wolle? Im Laufe der Tage und Wochen kommen Randy doch immer wieder Zweifel. Er vermisst das Beisammensein mit seinen Freunden, die Theaterproben, das Singen, den Glitzernagellack … Und natürlich bleiben Konflikte und Streitereien nicht aus, was ihn unglücklich macht.

Was ist, wenn es klappt? Muss er dann für immer und ewig Del bleiben? Er ist überzeugt, dass er langsam wieder zu Randy werden kann, wenn Hudson sich erst einmal in ihn verliebt hat. Doch natürlich liegen etliche Hindernisse auf seinem Weg.

Vielfältige Charaktere

Ich liebe die Charaktere in diesem Buch! Jeden Einzelnen, wirklich! Sie sind so unglaublich vielfältig: lesbisch, schwul, bi, trans – was immer es gibt. Elf Monate im Jahr müssen die meisten von ihnen sich anpassen, um in der Schule nicht anzuecken, um nicht gemobbt zu werden. Nicht alle haben sich geoutet. Doch in diesem Camp müssen sie sich nicht verstecken, sie können sich so zeigen, wie sie gerne sein würden. Und so lernen wir lauter tolle Typen kennen.

Randy/Del, Hudson und ihre engsten Freunde werden als facettenreiche Persönlichkeiten beschrieben, mit Ecken und Kanten, mit Problemen und Zweifeln. Sie sind so glaubwürdig dargestellt, dass ich am Ende des Buches das Gefühl hatte, dass sie echte Menschen sind, die ich morgen kennenlernen könnte. Sie wuchsen mir bei der Arbeit ans Herz, ebenso wie Betreuer Marc, über den ich sehr viel lachen musste.

Natürlich dreht sich alles um Randy, der mit seinem unglaublichen Plan viel Kopfschütteln erntet, aber dennoch viel Unterstützung bekommt. Er erinnert sich an die vergangenen Jahre, in denen er Hudson aus der Ferne bewundert hat, und ist nun fest entschlossen, dessen Herz zu erobern. Tolle Erfolgsmomente geben ihm Kraft und er stellt fest, dass er auch als Del mit sportlichen Hobbys viel Spaß hat. Aber er vermisst das Theater sehr und muss viele schwierige Situationen meistern, in denen er mir leidgetan hat.

Auch bei Hudson stellt sich heraus, dass er wesentlich vielschichtiger ist, als es zunächst schien. Es ist spannend, nach und nach mehr über ihn und seine Vergangenheit zu erfahren. Nur dass er so ziemlich der Einzige im gesamten Camp ist, der nicht checkt, wer Del wirklich ist, fand ich nicht so glaubwürdig. Geschenkt, sonst würde die Geschichte nicht funktionieren.

Neopronomen

In diesem Buch kommt auch ein non-binärer Charakter vor, Jordan. Im englischen Text wurde für ihn das Pronomen „they“ verwendet. Es gibt mehrere Ansätze dafür, wie man das im Deutschen darstellen soll. Hier fiel die Entscheidung auf „xier“ mit seinen Formen.

Dies sind die drei Grundformen:
xier – ein Personalpronomen, anstelle sie und er
xies – ein Possessivpronomen, anstelle ihr und sein
dier – ein Artikel und ein Relativpronomen, anstelle die und der

Und wie das Deutsche nun einmal ist, müssen all diese Formen dekliniert werden.

Informiert haben wir uns dabei vor allem auf der Website von Lucia Clara Rocktäschl, von der auch die Tabelle oben stammt. Hier findet ihr eine umfassende Erklärung und hier die Formen. 

Vielleicht fragt ihr euch, ob das nicht schwer zu lesen ist. Ich finde, nein. Jordan ist zwar ein wichtiger Charakter, spielt aber dennoch eine Nebenrolle, sodass die Formen nur ein paarmal vorkommen. Beim ersten dier glaubte ich noch an einen Tippfehler, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Das geht!

Mitreißende Handlung

Fürs Korrektorat ist es gar nicht so gut, wenn ein Buch eine mitreißende Handlung hat, das kann ich euch verraten. Wenn ich nämlich von Inhalt gefesselt werde, fällt es mir schwer, auf solch schnöde Dinge wie Kommas zu achten. (Die beste Lösung ist, das Buch vorher komplett zu lesen, wenn ich die Zeit dazu habe.) Ihr als Leser:innen habt dieses Problem zum Glück nicht und könnt einfach mit Randy/Del auf die Suche nach der Liebe gehen. Dabei gibt es viele lustige Situationen, aber auch einige traurige Momente. Ich habe manchmal den Kopf über Randy geschüttelt und hätte ihn am liebsten in die richtige Richtung schubsen wollen. Also, in die Richtung, die ich als richtig empfand. Das war natürlich nicht unbedingt Randys Weg. In Rückblicken erfahren wir über Randys und Hudsons frühere Begegnungen, aber auch über wichtige Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend, die die beiden zu den Menschen gemacht haben, die sie sind. Dadurch erfahren wir auch, wie ihre Outings verlaufen sind, wie ihr Umfeld reagiert hat, wie sie im Alltag mit ihrer Queerness umgehen usw. – sehr wichtig, um die beiden und ihre Handlungen zu verstehen.

Das Camp ist einfach wundervoll, weil es den Jugendlichen so viele Möglichkeiten gibt, andere Jugendliche in der gleichen Situation kennenzulernen, aber auch einfach nur Spaß zu haben. Einmal in der Woche gibt es für alle einen verpflichtenden Programmpunkt: Die Campleiterin berichtet von der Geschichte der queeren Bewegung. Dabei lernen nicht nur die Campteilnehmer:innen eine Menge, sondern auch wir Leser:innen. Ich fand das interessant und geschickt eingebaut, Randy gibt es viel Stoff zum Nachdenken.

Ich weiß nicht, ob es solche Camps wirklich gibt, aber es sollte sie auf jeden Fall geben!

Auch wenn ich natürlich ein wenig voreingenommen bin, hier mein

Fazit: Eine wundervolle, bittersüße queere Geschichte mit tollen, diversen und glaubwürdigen Charakteren, vielen Emotionen und spannender Handlung, die mich von der ersten bis zur letzten Seite mitgerissen hat. Ein Buch, das eigentlich ALLE Jugendlichen ab 14 Jahren lesen sollten, das aber besonders für LGBTQIA+-Jugendliche großartig ist.

Caver "Camp – Queerfeldein führt auch ein Weg": Ein gesticktes Abszeichen mit der Aufschrift Camp, zwei Personen, die sich die Hand geben vor einer Hütte in Regenbogenfarben.

L.C. Rosen: Camp – Queerfeldein führt auch ein Weg. Aus dem Englischen von Julia Schwenk. Second Chances Verlag 2022. 380 Seiten, Euro 14,00, ISBN 978-3-96966-560-2.

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2 Kommentare zu “L.C. Rosen: Camp – Queerfeldein führt auch ein Weg. Vom Schreibtisch

  1. Dem kann ich mich nur anschließen! Als Lektorin des wirklich tollen Romans (der übrigens verfilmt wird, ich freu mich schon!) hatte ich ebenfalls viel Spaß an der Arbeit. Werde deinen Artikel gleich mal bei Facebook teilen 😉

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