Peer Martin, Antonia Michaelis: grenzlandtage

Peer Martin, Antonia Michaelis: grenzlandtage

Schülerin trifft Bootsflüchtling

Ende April. Jule steht kurz vor den Abiprüfungen, doch vorher will sie sich mit ihrer Freundin zwei Wochen Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel gönnen. Ausgerechnet da meldet sich Evelyns Blinddarm, sodass Jule alleine fliegen muss. Ein bisschen Erholung, ein bisschen lernen, das ist der Plan. Doch dann entdeckt Jule einen sehr scheuen jungen Mann mit einer verletzten Hand. Nach und nach kommt sie dahinter, was es mit ihm auf sich hat. Das führt dazu, dass ihre Ferien ganz anders verlaufen, als sie es sich jemals hätte vorstellen können. Am Ende muss sie eine schwerwiegende Entscheidung treffen.

Und während der Tee kochte, Tee aus Kräutern der Macchia, dachte sie darüber nach, ob Deutschland ein gutes Land war. Sie hatte es bisher immer langweilig gefunden. Kalt. Grau.
Aber es gab warme Duschen dort und Meinungsfreiheit und Cappuccino aus Automaten. Niemand riegelte Stadtviertel ab, um Menschen auszuhungern, weil sie die Meinung der Regierung nicht teilten. Es gab keine Männer in Uniformen, die jemanden einsperrten, der seinen Freund ins Krankenhaus bringen wollte. Die meisten Männer in Uniformen waren damit beschäftigt, Katzen von Bäumen zu holen und Temposünder zu fotografieren.

Konfrontation mit dem „richtigen“ Leben

Eigentlich will Jule nur ein paar entspannte Ferientage verbringen, bevor der Abiprüfungsstress beginnt. Mit der Situation der Flüchtlinge, die versuchen, mit altersschwachen Booten das Mittelmeer zu überqueren, hat sie sich noch nicht näher beschäftigt. Doch auf der griechischen Insel wird sie auf einmal sehr drastisch mit diesem Problem konfrontiert. Jule ist eine ganz normale junge Frau, eine fleißige Schülerin, oft ziemlich naiv, die in einer schwierigen Situation auf einmal Entscheidungen treffen muss, die völlig außerhalb ihrer bisherigen behüteten Lebensrealität liegen. Man merkt, dass sie noch nie mit größeren Problemen konfrontiert wurde und bisher vermutlich meist ihre Eltern für sie entschieden haben. Manchmal möchte man sie einfach nur bremsen und von dem abhalten, was sie tut, weil es so furchtbar gedankenlos ist und sie erst hinterher anfängt nachzudenken. Aber gerade das fand ich realistisch geschildert. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mit 17 war …
Jule stößt zunächst auf Unverständnis bei ihrer Familie, ihre Freundin hält alles eher für einen Spaß und die meisten Inselbewohner reagieren ablehnend. Auch sie selbst sieht ihren Weg nicht immer klar vor sich, doch mit der Zeit entwickelt sie eine Haltung, zu der sie auch dann noch steht, als es gefährlich wird.

Konfrontation zweier Welten

Der größte Teil des Buches ist aus Jules Sicht geschildert, doch kürzere Passagen zwischendurch schildern Asmans Gedanken. Sie sind in einer anderen Schrifttype gesetzt. Deswegen und wegen des Prologs weiß weiß der Leser schon lange vor Jule, was es mit dem jungen Mann auf sich hat, welches Schicksal hinter ihm liegt.

Sehr gut und nachvollziehbar machen die beiden Autoren die Gedanken und Gefühle Jules deutlich, ebenso wie ihren langsamen Wissenszuwachs. Sie sucht sich Informationen im Internet, erinnert sich an Berichte im Fernsehen und schließlich erzählt ihr Asman seine Geschichte. So nimmt auch das Wissen des Lesers über die Situation der Flüchtlinge kontinuierlich zu: ihre Beweggründe, ihre Probleme, ihre Wünsche, aber auch die Ursachen für Aggressionen und Hass werden am Schicksal des aus Syrien stammenden Palästinensers Asman und seiner Freunde deutlich.

Ich finde die Geschichte Jules und Asmans sehr glaubwürdig geschildert. Sie berührt, sie geht nahe, sie hat viele dramatische Momente, kommt aber völlig ohne erhobenen Zeigefinger aus. Nur die Liebesgeschichte fand ich nicht hundertprozentig glaubhaft, das hat dem Buch aber nicht geschadet. Mehrmals dachte ich, ich wüsste nun, wie es ausgeht – und lag doch völlig daneben. Dieses Ende hätte ich mir so niemals vorgestellt und es ging mir sehr nahe.

Ich würde gerne viel mehr über dieses Buch schreiben und erklären, warum es mich so bewegt hat, aber ich fürchte, das wäre nicht möglich, ohne zu spoilern. An einem Einzelschicksal das Schicksal vieler anderer Flüchtlinge deutlich gemacht. Es bleibt nicht an der Oberfläche, manchmal wird es richtig heftig, es berührt und rührt. Ich war nicht in der Lage, die Rezension direkt im Anschluss an die Lektüre zu schreiben, erst einmal mussten sich die vielen Eindrücke etwas setzen.

Ein Kritikpunkt: Im Buch wird behauptet, ein Flüchtling in Deutschland könne nach seiner Anerkennung seine Geschwister nachholen, was nicht richtig ist. Ich fürchte, ohne diese Fehlinformation hätte einiges nicht funktioniert, ich habe mich trotzdem darüber geärgert, weil gerade das eine weit verbreitete Meinung ist. Ansonsten fand ich das Buch aber gut recherchiert, so weit ich das beurteilen kann.

Fazit:Eine Liebesgeschichte, ein Krimi und eine sozialkritische Schilderung sind hier eng miteinander verwoben. Eine nachdrückliche Leseempfehlung für alle ab 15 Jahren, die sich einmal aus einer anderen Perspektive mit dem Thema Flüchtlinge auseinandersetzen wollen. Aber auch ohne eine derartige Absicht ist es eine interessante, spannende, bewegende und nachdenklich machende Lektüre.

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Peer Martin, Antonia Michaelis. grenzlandtage oder Das Glück der Wanderfalter. Oetinger 2017. 464 Seiten, Euro 13,99, ISBN 978-3-8415-0469-2.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – über Buch7.de – über den Onlineshop eurer Buchhandlung – und in jeder Buchhandlung.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Brigitte Minne, Carll Cneut: Hexenfee

Müssen Feen immer brav sein?

Die kleine Fee Rosmarinchen ist sehr enttäuscht, als sie zum Geburtstag einen Zauberstab bekommt. Sie hatte sich doch Rollschuhe gewünscht! Aber beim Rollschuhfahren könnte sie sich dreckig machen, findet ihre Mama. Auch andere Sachen, die sie gerne machen würde, gefallen ihrer Mama nicht. Als Fee soll sie immer brav und lieb sein, wie langweilig. Also beschließt Rosmarinchen, bei den Hexen zu wohnen. Dort hat sie richtig viel Spaß. Allerdings vermisst sie ihre Mama. Doch am Ende finden sie eine tolle Lösung.

„Ich will eine Hexe sein“, sagte Rosmarinchen eines Tages.
Mama war außer sich vor Schreck.
„Eine Hexe?“, rief sie.
„Du bist wohl nicht ganz gescheit, Rosmarinchen! Schäm dich!“
Rosmarinchen schämte sich überhaupt nicht.
Sie stampfte mit den Füßen und brüllte trotzig:
„Ich bin mir ganz sicher. Ich will eine Hexe sein!“

Kleine Fee mit eigenem Kopf

Rosmarinchen ist eine kleine Fee, die genau weiß, was sie will. Sie ignoriert alle Warnungen, was die Hexen angeblich mit ihr machen, und setzt ihren Kopf durch. Dabei findet sie nicht nur heraus, dass die Hexen sehr freundlich zu ihr sind, sondern hat richtig viel Spaß. Und am Ende schafft sie es sogar, sich wieder mit ihrer Mutter zu versöhnen und einen richtig guten Kompromiss zu finden. Sie beweist allen, dass man keine 08/15-Fee sein muss. Somit ist das Buch ein Plädoyer für Vielfalt und dafür, einen Weg zu finden, der zu einem selber passt. Nicht immer muss der das Weg sein, den die anderen Leute für richtig halten. Gut gefällt mir auch, dass vermittelt wird, dass es kein Lebensinhalt sein kann, immer sauber und ordentlich zu sein. Wer etwas erleben und entdecken will, macht sich eben auch mal schmutzig. Das ist aber vielleicht eher eine Botschaft an die Eltern, die meisten Kinder wissen das sowieso. 😉

Die Zeichnungen finde ich sehr interessant. Die Feen tragen Kleider und hohe, spitze Hüte in allen möglichen Rot-Schattierungen. Sie entsprechen trotzdem nicht mehr Vorstellung von Fee, denn sie haben lange, spitze Nasen und entweder kurze Haare oder ganz dünne Zöpfe. Sie ähneln sich so sehr, dass ich manchmal erst suchen musste, um Rosmarinchen und ihre Mutter zu entdecken. Die Hexen sehen sehr ähnlich aus, nur sind ihre Nasen noch länger und ihre Hüte grau bis schwarz. Irgendwie scheinen sie in einem Sumpf zu leben, denn teilweise schauen die Köpfe nur zur Hälfte heraus. Das wirkte auf mich ein wenig verstörend. Sehr schön finde ich es dagegen, wenn Rosmarinchen mit ihrer Mutter auf dem Besen durch den Hexenwald fliegt und die Rot- und die Grautöne aufeinandertreffen. Definitiv keine 08/15-Bilder.

Fazit: Ein ungewöhnliches Bilderbuch, das Kindergartenkindern vermitteln kann, dass nicht alle gleich leben müssen und dass Ordnung und Sauberkeit nicht alles sind.

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Brigitte Minne, Carll Cneut: Hexenfee. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Bohem 2017. 48 Seiten, Euro 24,95, ISBN 978-3959390477.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – über Buch7.de – im Onlineshop eurer Buchhandlung – oder bei der Buchhandlung um die Ecke

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Katie Grosser: Rissa Filial und der Aufstand der Kobolde

Katie Grosser: Rissa Filial und der Aufstand der Kobolde

Feen in Not

Rissa hat Ferien und freut sich schon sehr darauf, mit ihrer Tante Augusta, ihrem Freund Leander und dessen Onkel Alfons einen schönen Urlaub in einem abgelegenen Ferienhaus an einem See zu verbringen. Doch kaum angekommen, passieren merkwürdige Dinge: Zunächst hört Rissa Schreie im Wald, die Leander nicht hören kann, dann verschwindet Fee Lisbeth spurlos und dann geht es auch noch Tante Augusta richtig schlecht. Zusammen mit Leander macht sie sich auf die Suche nach Lisbeth. Sie glauben kurz, einen Heligort entdeckt zu haben, doch dann stellt sich heraus, dass der Platz von bösen Kobolden bewohnt wird. Bevor sie Lisbeth finden und befreien können, müssen sie viele gefährliche Situationen überstehen und immer wieder ihre Grenzen überwinden.

Vor ihr stand Leander, den Mund zu einem hämischen Grinsen verzogen. Ein Schimmern umgab ihn und plötzlich sah ihr Freund so aus, als würde er schmelzen. Zuerst schrumpfte er und die Haare zerflossen auf seinem Kopf zu nichts. Die von der Sommersonne schon gebräunte Haut wurde noch dunkler, furchiger und nahm schließlich einen grau-grünlichen Ton an. In seinem Gesicht wuchs die Nase, bis sie lang und gekrümmt war. Auch die Ohren schossen links und rechts weiter aus seinem Kopf heraus und wurden spitz. …

Rissa in großer Gefahr

Dies ist nun Rissas drittes Erlebnis in der Fabelwelt. Dabei klären sich einige Geschehnisse des zweiten Bandes auf, doch manches bleibt auch am Ende noch ungeklärt oder zweifelhaft, sodass die Neugier auf die Fortsetzung gewahrt bleibt.

Zunächst beginnt es wieder ganz harmlos, auch wenn die beiden Kinder (oder Wechselbalge) von ihren Fabeleltern vor merkwürdigen Vorgängen gewarnt wurden. Doch dann eskaliert die Lage schnell. Die beiden finden neue Verbündete, auch von ganz unerwarteter Seite, und geraten mehrfach in äußerst gefährlich Situationen. Leander, der sich anfangs noch darüber beschwert, dass Rissa die ganzen Abenteuer erlebt und er nur ihr Helfer ist, entdeckt eine besondere Gabe an sich, die sich als äußerst hilfreich erweist. Rissa dagegen ist mit ihrer Gabe nicht so glücklich.

Am Ende geht es zwar wieder gut aus, doch ist auch der Tod einer wichtigen Person zu beklagen. Da könnten bei den Lesern durchaus ein paar Tränen fließen. Ich jedenfalls musste heftig schlucken.

Fantastische Welten

Die Fabelwelt ist wieder detailliert und glaubwürdig beschrieben, ich konnte mir alles gut vorstellen und so richtig gut in die Geschichte eintauchen. Besonders gut gefällt mir, dass Rissa und Leander nicht immer heldenhaft und mutig sind, sondern auch mal Angst haben, neidisch oder zickig sind – wie ganz normale Menschen eben.

Fazit: Ein äußerst gelungener dritter Teil für Fantasyfans von 9 bis 12 Jahren, bei dem alles stimmt und der schon neugierig auf den vierten Teil macht, der die Reihe abschließen wird.

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Katie Grosser: Rissa Filial und der Aufstand der Kobolde. Band 3. Woll-Verlag 2016. 288 Seiten, Euro 14,95, ISBN 978-9463429535.

Hier findet ihr meine Rezensionen von Band 1 und Band 2.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – bei Buch7.de – über den Onlineshop eurer Buchhandlung und natürlich auch direkt in der Buchhandlung eurer Wahl.

Ich danke der Autorin für das Rezensionsexemplar.

Sophie Schmid: Anleitung zum Ungezogensein

Sophie Schmid: Anleitung zum Ungezogensein

Kinderleben voller Regeln

„Regeln sind dazu da, befolgt zu werden!“

steht in ordentlicher Schönschrift auf der ersten Seite. Erwachsene sagen das zu einer größeren Gruppe Kinder. Auf den nächsten Seiten steht jeweils links in ordentlicher Schreibschrift eine weitere Regel wie

„Kinder soll man sehen, nicht hören können!“

Auf der rechten Seite steht in großen, verschiedenfarbigen Druckbuchstaben, die nicht brav auf einer Linie stehen, was die Kinder aus dieser Regel machen können. So sollen sie zum Beispiel dafür sorgen, dass es etwas zu sehen gibt. Klappt man dann die linke Seite aus, sieht man, was die Kinder daraus machen. Zum Beispiel eine Zirkusvorstellung, bei der sie allerlei Kunststücke vorführen.

Regeln – frei interpretiert

Sehr kreativ wird hier mit den Regeln der Erwachsenen umgegangen, die darauf abzielen, dass die Kinder ruhig, ordentlich, fleißig und brav sind. Durch die aufklappbaren Seiten gibt es immer einen Überraschungseffekt: Was mag den Kindern wohl eingefallen sein, um die jeweilige Regel zu ihren Gunsten auszulegen? Das ist sehr lustig und natürlich oft überzogen. Besonders gut gefällt mir der Umgang mit der Regel

„Mit vollem Mund spricht man nicht!“

Wenn das Geschwisterchen mit dem Hochstuhl umkippt, gleichzeitig der Kanarienvogel aus dem Käfig ausbüchst, etwas auf dem Herd Feuer fängt, der Waschbär einen Pullover aus der Wäsche aufribbelt, die Katze Marmeladengläser vom Hängeschrank wirft und der Hund den Kühlschrank leerräumt, die Eltern aber in eine Diskussion vertieft sind und nichts merken, könnte eine Ausnahme doch mal gerechtfertigt sein, oder?

Daraus kann man schon schließen, dass es auf den Bildern eine Menge zu sehen gibt. Bei jedem Durchblättern habe ich Neues entdeckt. Dass das Buch ein etwas ungewöhnliches Format hat, passt gut dazu. Es bietet einen guten Anlass, mit Kindern über den Sinn und Zweck von Regeln zu diskutieren. Vor allem macht es aber richtig viel Spaß!

Fazit: Regeln dürfen kein Selbstzweck sein und keine Regel ohne Ausnahme: Spaßiges und ungewöhnlich gestaltetes Buch für Kinder von 3 bis 5 Jahren.

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Sophie Schmid: Anleitung zum Ungezogensein. Coppenrath 2017. 36 Seiten, Euro 13,99, ISBN 978-3-649-67040-7.

Zur Verlagsseite – bei Amazon –  im Onlineshop eurer Buchhandlung – und direkt in der nächsten Buchhandlung

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Die Übersetzung einer Übersetzung einer Übersetzung – vom Wort zur Zeichnung und zurück (von Anne Thomas)

Die Übersetzung einer Übersetzung einer Übersetzung – vom Wort zur Zeichnung und zurück (von Anne Thomas)

Ein Gastbeitrag von Anne Thomas, die das Kinderbuch Papa ist doch kein Außerirdischer von Anna Boulanger aus dem Französischen ins Deutsche übersetzte (oder eher nachdichtete, wie mir scheint), in dem es um Schimpfwörter für Schwule geht (zur Rezension). Wie man sieht, eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe!

Neulich entdeckte ich mit großer Freude die tolle Rezension meiner Übersetzung Papa ist doch kein Außerirdischer auf Danielas Blog. Als ich die Kommentare las, kam mir die Idee, über die Entstehung dieser speziellen Übersetzung zu berichten.

Ich übersetzte 2013 Inhaltsangaben mehrerer Kinderbücher fürs Goethe-Institut. Anna Boulangers Papa, c’est quoi un homme haut sekçuel? faszinierte mich gleich. Deshalb kaufte ich mir das Buch und entdeckte, dass es noch dazu illustriert ist – damit nahm der Schwierigkeitsgrad zu. Und gleichzeitig wusste ich sofort: Das ist ein Buch für den kunstanstifter verlag! Wie übersetzte ich nun?

Ich begann mit einem Brainstorming unter alten Schulfreunden (einer von ihnen ist schwul): „Leute, nennt mir doch mal ein paar Schimpfwörter für Homosexuelle!“ Nach den ersten geschockten Blicken und Erklärungen meinerseits kamen ein paar vorsichtige Vorschläge. „Bitte möglichst schwammig, damit man sie gut missverstehen und wörtlich nehmen kann.“ Das war schwieriger. Uns fiel auf: Auf Deutsch ist das meiste sofort sehr vulgär und eindeutig. Ich setzte meine Recherchen im Internet fort. In einem wissenschaftlichen Text von Jody Skinner über Bezeichnungen von Schwulen und Lesben in Deutschland fand ich schon einiges, das besser passte. Offenbar waren ältere Schimpfwörter euphemistischer, wenngleich ebenso abwertend. Ich merkte bald, dass die französischen Bezeichnungen ebenfalls sehr archaisch waren – Anna Boulanger hatte in alten französischen Wörterbüchern gestöbert und Lust bekommen, die lächerlich ausweichenden und gleichzeitig sehr abwertenden Ausdrücke in Zeichnungen ad absurdum zu führen.

Mit meiner Liste deutscher Bezeichnungen setzte ich mich nun hin und bemühte mich, pro Illustration im Original ein passendes deutsches Schimpfwort zu finden. Die Idee, erst einmal den französischen Text ins Deutsche zu übersetzen, hatte ich schnell aufgegeben. Hier ging es vor allem darum, möglichst viele Originalillustrationen zu erhalten und dazu passende Bezeichnungen zu finden. Nachdem ich pro Bild einen Ausdruck hatte, machte ich mich ans Übersetzen. In einem Fall – „Uranien/Uranier“, funktionierte es tatsächlich wörtlich. Dann gab es Ausdrücke, die komplett anders waren, weshalb ich den Text dazu neu schreiben musste, zu denen die Illustration aber noch passte. Das war zum Beispiel der Fall bei „Hoch- und Tiefbau“. Und dann mussten bei ein paar einzelnen Ausdrücken, bei denen ich keinen Fließtext hatte, in dem ich noch einmal etwas erklären konnte, komplett neue Illustrationen angefertigt werden. Dafür traf ich Anna Boulanger und übersetzte ihr die deutschen Bezeichnungen wörtlich ins Französische, damit sie sie wiederum in eine Zeichnung übertragen konnte.

Netterweise las mein Kollege Frank Heibert meine Rohfassung noch einmal Korrektur und empfahl mir dann das Wörterbuch Sex im Volksmund von Ernest Bornemann. Dort fand ich noch einmal viel Material, ich änderte ein paar meiner Lösungen, informierte Anna Boulanger und erstellte die fertige Fassung. Dann machte Anna die neuen Zeichnungen, alles ging ins Lektorat und den Druck – und heraus kam nach 2 Jahren Vorarbeit Papa ist doch kein Außerirdischer.

Vielen Dank für diesen äußerst informativen Bericht, liebe Anne! Zwei Jahre Arbeit stecken in diesem Bilderbuch. Ich finde das sehr beeindruckend.
Und hier noch einmal alle wichtigen Informationen zum Buch:

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Anna Boulanger: Papa ist doch kein Außerirdischer! Aus dem Französischen von Anne Thomas. kunstanstifter 2016. 40 Seiten, Euro 20,00, ISBN 978-3-942795-43-2.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – und in jeder Buchhandlung

 

James Bowen: Bob der Streuner

Ein Kater als Sozialarbeiter!

James war ganz unten: ohne Job und Ausbildung, obdachlos, drogensüchtig, ohne Zukunft. Doch nun nimmt er seit einiger Zeit an einem Methadonprogramm teil, hat eine Sozialwohnung bekommen und verdient sich sein Geld als Straßenmusikant. Er hofft, nach und nach aus dem Sumpf, in dem er gelebt hat, herauszukommen. Zu einem fühlt er sich aber noch nicht bereit: Verantwortung zu übernehmen. Doch dann sitzt eines Tages ein struppiger roter Kater vor seiner Tür und lässt sich nicht vertreiben. Irgendwann gibt James nach und stellt fest, wie es ihm mit Bobs Hilfe gelingt, sein Leben wieder auf die Reihe zu bringen. Er darf sich nicht hängen lassen, weil er sich um Bob kümmern muss. Viele Leute lieben Bob, sodass er mehr verdient. Allerdings gibt es auch Menschen, die ihn deswegen hassen …

Mit Bob war alles viel einfacher. Er war ein Publikumsmagnet. Zuerst war mir das fast unangenehm und ich setzte mich selbst unter Druck, ihn bei den vielen Leuten bloß nicht zu überfordern und gut auf ihn aufzupassen.

Das ist eine Geschichte, wie sie Katzenfans lieben: Ein sympathischer, schlauer Kater bringt einen Menschen zurück zu einem geordneten, drogenfreien Leben. Was James und Bob zusammen erleben, ist spannend. Die beiden müssen einiges zusammen durchmachen: Ärger mit der Polizei, Behörden oder Kollegen, Bobs Krankheit, James’ Entzug. Das alles erleben die Leser hautnah mit. James berichtet aber auch aus seiner Vergangenheit, sodass klar wird, wie er in diese schreckliche Lage kam.

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Das lässt sich locker lesen und ist zeitweise richtig spannend. Allerdings fand ich es etwas nervig, dass James wieder und wieder über Bobs Herkunft und sein früheres Leben spekuliert.

Die Geschichte von Bob und James wurde gerade verfilmt, der Film läuft am 12. Januar in den Kinos an. Im Buch sind einige Bilder aus dem Film zu sehen.

Wenn ihr mehr über den Film erfahren wollt, hier geht es zur Filmhomepage.

Fazit: Eine liebenswerte Geschichte, die ein Muss (nicht nur) für Katzenliebhaber ab 15 Jahren ist.

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James Bowen: Bob, der Streuner. Manchmal braucht es neun Leben, um eines zu retten. Buch zum Film. Aus dem Englischen von Ursula Mensah. Bastei Lübbe 2016. 256 Seiten, Euro 10,00, ISBN 978-3-404-60934-5.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – bei Buch7.de – im Onlineshop eurer Buchhandlung – und in der Buchhandlung um die Ecke.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

 

Wer pupst denn hier, kleiner Stier?

Als der kleine Stier Micki mit seiner Freundin, der Katze Kitty, durch die Gegend läuft, riecht es öfter mal streng. Die beiden fragen sich, wer wohl gepupst hat. Zunächst sieht man die Urheber auf den Bildern nicht oder nicht vollständig, aber wenn man Schieber bedient, taucht das jeweilige Tier oben, unten oder an der Seite auf: ein Vogel, ein Ferkel, ein Hase, ein Pferd, eine Maus. Am Schluss passiert es auch dem kleinen Stier. Arme Katze!

„Puh, wie das hier müffelt!“, brüllt Micki.
„Rette sich wer kann!“, maunz Kitty.
„Das ist ein echter Stinker!“

Körperausscheidungen sind bei Kindern ein beliebtes Thema, sie sind einfach fasziniert davon. Hier wird das Thema Pupsen mit dem Kennenlernen von Bauernhoftieren verbunden. Die dicken Pappseiten sind sehr robust, das müssen sie ja sein, weil der Schieber noch darin versteckt ist. Diese Schieber geben dem Buch einen besonderen Reiz. Zumindest beim ersten Lesen kann man herrlich rätseln, wer denn der Verursacher des Gestanks sein könnte. Hier ist allerdings auch ein Kritikpunkt: Es geht eigentlich gar nicht um Pupse, sondern man sieht die Pferdeäpfel, die Hasenköttel und die Ausscheidungen der anderen Tiere. Auch Micki produziert am Ende einen ordentlichen Kuhfladen. Die Frage, wer hier pupst, passt also nicht wirklich. Trotzdem ist das Buch lustig, es bietet eine durchgängige Geschichte und macht den kleinen Zuhörern sicher Spaß – auch weil sie an den rubusten und leicht zu bedienenden Schiebern herumspielen können. Die Bilder, bei denen das Hauptaugenmerk auf den Tieren liegt, gefallen mir auch sehr gut. Leider passt der Text nicht immer dazu – warum ist der kleine Spatz so bunt?

Fazit: Ein lustiges Bilderbuch über Bauernhoftiere, Pupse und Häufchen für den Lesenachwuchs ab 18 Monaten.

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Anna Taube, Antje Flad: Wer pupst denn hier, kleiner Stier? Coppenrath 2016. 14 Seiten, Euro 7,99, ISBN 978-3-649-62300-7.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – bei buch7.de – und in eurer Lieblingsbuchhandlung.

Miri vom Geschichtenwolke-Kinderbuchblog sieht das übrigens ähnlich.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.