Rezension: Fantastic Stories for Fearless Girls

Rezension: Fantastic Stories for Fearless Girls

Wo bleibt der Held?

Wer kennt das nicht?

Rapunzel langweilt sich auf ihrem Turm fast zu Tode, da kommt ein Prinz herbeigeritten und rettet sie. Dornröschen schläft und schläft, bis sich nach hundert Jahren endlich ein Prinz zu ihr durchkämpft, sie küsst und damit rettet. Und Schneewittchen liegt, vermeintlich rettungslos verloren, in ihrem gläsernen Sarg, bis der edle Prinz kommt, um sie ebenfalls vor ihrem schrecklichen Schicksal zu erretten. Und dann heiraten sie und leben glücklich bis an ihr Lebensende …

Doch was haben diese jungen Frauen eigentlich getan, um in ihre schreckliche Lage zu kommen? Dornröschen war neugierig und wollte etwas lernen, hat dabei aber gegen ein Verbot verstoßen. Pfui! Schneewittchen hat einen vergifteten Apfel gegessen, obwohl die Zwerge sie ermahnt hatten, nichts an der Haustür zu kaufen und sie schon schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Na ja, das war zugegebenermaßen nicht schlau. Rapunzel allerdings hat nicht einmal selber etwas angestellt, sondern ihre Mutter war es, die ein Verbot übertreten hatte. Lebenslange Isolationshaft wegen ein wenig Feldsalat, wow!

Wenn man es so betrachtet, stellt man fest, dass das Frauenbild in Märchen, ziemlich antiquiert ist, um es vorsichtig zu sagen. Es gibt auch Frauen, die selbst aktiv werden und handeln, aber das sind dann meist Hexen oder böse Stiefmütter. Auch nicht so prickelnd!

Achtung, hier kommt eine Heldin!

Doch nicht alle Märchen sind so. Für das Märchenbuch Fantastic Stories For Fearless Girls hat Anita Ganeri 15 Märchen aus aller Welt gesammelt und nacherzählt, in denen Mädchen aktive Rollen einnehmen und nicht auf einen Prinzen warten müssen, sondern selber zur Heldin werden.

Atalanta zum Beispiel wird von ihrem Vater, dem König, im Wald ausgesetzt, weil sie nicht der erhoffte Sohn und Thronfolger ist. Nachdem sie von einer Bärin gefunden und genährt wurde, wird sie schließlich von einem Jäger und seiner Frau aufgenommen. Sie wird zu einer großartigen Jägerin und rettet das Land schließlich vor einer großen Gefahr, einer Aufgabe, an der vor ihr viele Männer gescheitert sind.

Oder Tokoyo, deren geliebter Vater auf eine Insel verbannt wird. Sobald sie alt genug ist, macht sie sich auf den Weg dorthin, überwindet allerlei Gefahren und rettet ein Mädchen davor, einer Seeschlange zum Fraß vorgeworfen zu werden. Kurzerhand ergreift sie die Initiative, opfert sich vermeintlich selbst und tötet die Schlange. Schließlich erreicht sie die Begnadigung ihres Vaters.

Am liebsten mochte ich die Geschichte der kleinen Molly Whuppie. Ähnlich wie bei Hänsel und Gretel werden Molly und ihre zwei älteren Schwestern von den Eltern in den Wald geschickt, wo sie sich verlaufen. Sie landen bei einem Riesen, der sie fressen möchte, schaffen es dank Mollys Klugheit und Wachsamkeit aber zu entkommen. Schließlich gelangen sie zum König, der Molly mehrmals beauftragt, den bösen Riesen erneut zu überlisten. Nach jeder gelungenen Aufgabe darf eine ihrer Schwestern einen der Königssöhne heiraten. Nach der Bewältigung der dritten Aufgabe wird auch ihr dies angeboten, doch Molly lehnt ab:

„Dein Sohn ist bestimmt sehr nett, aber ich möchte niemanden heiraten“, teilte sie ihm mit. „Doch ich würde sehr gern für dich arbeiten.“
So ernannte der König sie zu seiner Obersten Forscherin. Bis an ihr Lebensende reiste sie durch das ganze Königreich, besiegte Monster und entdeckte lauter neue Dinge und interessante Schätze, die sie dem König brachte.

Eigenwillige Mädchen zeigen, wo es langgeht

Manche Mädchen in diesen Geschichten sind Prinzessinnen, andere stammen aus armen Familien. Ihnen ist jedoch gemein, dass sie ihren eigenen Kopf haben. Sie sind besonders mutig, sehr klug, haben vielleicht magische Kräfte, aber auf jeden Fall sind sie nicht bereit, andere über ihr Leben entscheiden zu lassen. Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Einige heiraten einen Mann, den sie sich selbst ausgesucht haben, andere entscheiden sich, unverheiratet zu bleiben.

Die Märchen stammen u. a. aus Griechenland und Norwegen, Japan, Peru und Südafrika, Indien, dem Niger und China. Toll, dass es in so vielen Kulturen alte Geschichten von selbstbewussten Mädchen gibt. Natürlich gefallen mir nicht alle Geschichten gleichermaßen, aber sie sind sehr abwechslungsreich, teilweise spannend, teilweise überraschend, keine davon ist langweilig.

Besonders schön ist, dass die Herkunft der Geschichten sich so sehr in den Illustrationen von Khoa Le widerspiegelt und das Buch so gleichzeitig Diversität zeigt: Die Mädchen tragen größtenteils traditionelle Kleidung, zum Beispiel rumänische oder norwegische Tracht, und auch die Gebäude oder Gegenstände im Bild passen in die jeweilige Kultur. Gestutzt habe ich bei Südafrika: Sind die Baströckchen nicht ein europäisch-kolonialistisches Klischee? Ich habe herausgefunden, dass beispielsweise Zulu-Frauen Leder- oder Stoffröcke trugen, dass aber zumindest bei manchen Zeremonien die Männner Baströcke anhatten. Gut, vielleicht gab es das also auch für Frauen.

Die Sprache ist für Märchen vergleichsweise modern und gut zu lesen, was auch der guten Übersetzung von Kerstin Fricke zu danken sein dürfte.

Gibt es etwas, was mir an diesem Buch nicht gefällt? Oh ja, und zwar der Titel. Seit den Rebel Girls ist eine Welle von Büchern über die Leserinnen und Leser hereingebrochen, die es zum Ziel haben, Mädchen zu stärken. Das ist toll! Aber: Sie alle haben einen englischen Titel mit Girls und Stories darin. Nicht toll! Mir ist klar, dass diese Titel gleich signalisieren sollen, um was es geht, damit die kaufenden Mütter (behaupte ich jetzt einfach mal) zugreifen. Ja, das hat super funktioniert, aber jetzt ist es auch mal wieder gut. Es nervt! Man kann die Titel kaum noch auseinanderhalten. Fantastische Geschichten für furchtlose Mädchen hätte auch funktioniert, oder? Na eben!

Die Altersangabe irritiert mich etwas: ab 12 Jahren? Ich sehe keinen Grund, warum nicht schon jüngere Kinder (ja, auch Jungen, warum denn nicht?) dieses Buch lesen sollten. Ja, ab und an stirbt einmal jemand und es ist schon grausam, dass beispielsweise Eltern ihre Kinder einfach im Wald aussetzen. Aber bei Grimms Märchen hat das Generationen von vorlesenden Eltern nicht gestört, warum also nicht mal einen Kontrapunkt setzen?

Fazit: Wer die traditionellen deutschen Märchen über hat, Mädchen andere Role Models geben und Jungen Heldinnen kennenlernen lassen möchte, dem sei dieses Buch unbedingt empfohlen.

Anita Ganeri, Khoa Le: Fantastic Stories For Fearless Girls. Aus dem Englischen von Kerstin Fricke. Ullmann 2020. 128 Seiten, Euro 14,90, ISBN 978-3-74152459-2.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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