Ursula Poznanski: Erebos

Mein fünfzehnjähriger Sohn liest nun wirklich nicht alles. Erebos verschlang er. Dann fing ich an zu lesen – und war gefangen. Gefangen von Erebos …

„Erebos ist ein Spiel. Es beobachtet dich, es spricht mit dir, es belohnt dich, es prüft dich, es droht dir.- Erebos hat ein Ziel: Es will töten.“

Nick ist ein ganz normaler Jugendlicher. Er spielt Basketball, hängt mit seinen Freunden herum und schwärmt für ein Mädchen aus seiner Klasse, Emily. Irgendwann wundert er sich, dass sein Freund Colin das Training schwänzt, in der Schule entweder fehlt oder immerzu müde ist und unwirsch reagiert, wenn Nick mit ihm sprechen will. Dann fällt ihm auf, dass immer mehr Schüler häufig fehlen oder blass und übermüdet wirken. Und was sind das für DVDs, die hier und dort unter der Hand weitergegeben werden? Niemand beantwortet seine Fragen, bis er selbst endlich eine dieser geheimnisvollen DVDs erhält. Zu Hause schiebt er sie neugierig in seinen Laptop – und sein Leben verändert sich …

Nick taucht ein in die fantastische Spielewelt von Erebos. Alles erscheint gleichzeitig unwirklich und doch merkwürdig realistisch. Dann erhält er Aufgaben, die in der realen Welt zu erledigen sind und ist schockiert, dass das Spiel weiß, ob er sie erledigt hat oder nicht. Auch sonst weiß Erebos erschreckend viel über ihn. Nick wird vollkommen vom Spiel gefangen genommen. Schlafen, Lernen, Essen, Freunde, Familie, alles wird nebensächlich – bis Nick einen Auftrag erhält, der so schrecklich ist, dass er ihm die Augen öffnet. Zusammen mit Emily nimmt er den Kampf gegen Erebos auf …

Ähnlich, wie die Jugendlichen im Buch dem Computerspiel Erebos verfallen, ging es mir mit diesem Buch. Ich fing an und fand mich zunächst in einem scheinbar ganz normalen Jugendbuch wieder, das die ganz normale Alltagswelt älterer Schüler schilderte. Doch dann wurde die Atmosphäre ständig bedrohlicher. Wie kann es sein, dass ein Computerspiel so viel weiß und so viel Macht ausübt? Auch wenn ich mir bewusst war, dass es so ein Spiel eigentlich nicht geben kann, schien die von ihm ausgehende Bedrohung sehr realistisch zu sein. Ich habe das Buch nur noch gezwungenermaßen aus der Hand gelegt – ich konnte leider nicht die Nacht durchmachen und am nächsten Tag schwänzen, wie die Computerkids. Letztlich habe ich es in zwei Tagen verschlungen. Ich MUSSTE einfach erfahren, wie es ausgeht und war nach dem fulminanten Schluss einerseits erleichtert, andererseits traurig.

Sehr gut gelungen fand ich die Darstellung, wie ein Computerspiel die Spieler in Bann nehmen kann. Jeder, der gerne einmal „zockt“, kann das gut nachempfinden. Möglicherweise ist es tatsächlich so, dass die Gefahr, spielsüchtig zu werden, mit der Realitätsnähe des Spieles zunimmt. Nick hat das Gefühl, tatsächlich in dieser Welt zu leben. Die Aufgaben, die er dort zu lösen hat, werden wichtiger als seine Schulaufgaben, die Angst, eine Herausforderung dort zu verpassen größer als die vor dem drohenden Wutausbruch des Basketballtrainers, weil die halbe Mannschaft beim Training fehlt. Mehr und mehr verliert die wirkliche Welt an Bedeutung. Kunstvoll spinnt Poznanski eine Geschichte, die gerade durch ihre Realitätsnähe so eine Faszination ausübt. Das Buch ist eine Warnung vor der Copmputerspielsucht, aber vollkommen ohne gehobenen Zeigefinger.

Das Buch wird für Leser ab 12 Jahren empfohlen. Da in den Spielsequenzen einige grausame Szenen vorkommen, sollten sehr sensible Kinder es eventuell erst ab 14 lesen. Andererseits: Wer „Herr der Ringe“ und ähnliche Filme gesehen hat, wird mit Erebos auch keine Probleme haben. Mein Tipp: Möglichst an einem Wochenende oder in den Ferien lesen, wenn man nicht allzu oft unterbrechen muss.

Negativ hervorzuheben ist lediglich der Einband, der zwar schön gestaltet ist, sich aber bereits nach zwei Lesern am Buchrücken zu lösen beginnt.

Über die Autorin: Ursula Poznaski wurde 1968 in Wien geboren. Sie studierte Japanologie, Publizistik, Rechtswissenschaften und Theaterwissenschaften und arbeitete anschließend als Medizinjournalistin. Seit 2003 ist sie Autorin. Sie veröffentlichte Kinderbücher, z. B. „Redaktion Tintenklecks“, „Pauline Pechfee“, „Theo Piratenkönig“. „Erebos“ ist ihr erstes Jugenbuch. Zur Homepage.

 

Ursula Poznanski, Erebos, Loewe 2010, 487 Seiten, Euro 14,95, ISBN 978-3-7855-6957-3

3 Kommentare zu “Ursula Poznanski: Erebos

  1. Ich kann Dir nur zustimmen – „Erebos“ ist super spannend, kann man wirklich kaum aus der Hand legen. Das ging nicht nur unserem Fast-12-Jährigen so, der das Buch innerhalb weniger Tage verschlungen hat, sondern auch mir, als ich es mir auf seine Empfehlung hin auch geschnappt habe. 🙂

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  3. „Erebos“ ist Preisträger beim Deuschen Jugendliteraturpreis, es hat den Preis der Jugendjury erhalten. Herzlichen Glückwunsch! Ein absolut verdienter Preis, wie ich finde – was für ein Erstling! Hoffentlich können wir bald ein neues Buch aus der Feder von Ursula Poznanski lesen.

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