Rezension: Linde Hagerup: Ein Bruder zu viel

Familienzuwachs

Als Mamas beste Freundin stirbt, beschließen Mama und Papa, den fünfjährigen Steinar zu sich zu nehmen. Sara fand Steinar schon bei früheren Besuchen nervig – und nun wird der Junge bei ihr im Zimmer einquartiert. Sie ist genervt und zeigt wenig Verständnis für den Kleinen, der verwirrt ist, morgens weinend aufwacht und von ihren Eltern verwöhnt wird.

Das Tier in meinem Bauch kratzte und biss jetzt wie besessen. Bald würde in meinem Bauch nicht mehr genug Platz für das Tier sein.
Bald würde es herauskommen und sich allen zeigen.

Es gibt viel Zoff, bis Sara eines Tages zufällig eine Bemerkung hört, dass alles vielleicht leichter wäre, wenn sie ein Junge wäre. Im Ernst? Na gut!

Schwieriges Zusammenwachsen

Die neunjährige Sara berichtet von den Veränderungen, die sich in der Familie durch Steinars Einzug ergeben. Es beginnt damit, dass sie vorher noch nie auf einer Beerdigung war und das alles nicht so recht versteht. Und dann dieser nervige Steinar, der nun in ihrem Zimmer wohnen soll! Ihre ältere Schwester Emilie kann sich besser in den Kleinen hineinversetzen, aber Sara kann und will das nicht. Sie will nicht ihr Zimmer teilen, sie will nicht zuhören, wenn jemand beim Trinken schlürft, sie will nicht akzeptieren, dass dieser Eindringling an einem ganz normalen Morgen Schokocreme essen darf, was sie nur in den Ferien dürfen. Sie ist manchmal ziemlich eklig zu Steinar und patzig zur restlichen Familie.

Sara spürt, dass sie nicht ganz fair ist, aber irgendwie kommt sie aus dieser Nummer nicht mehr raus. Bis sie das Gespräch ihrer Eltern mit anhört und eine gute Idee hat …

Sara ist nicht unbedingt immer sympathisch, auch wenn ich ihre Probleme und Gefühlsverwirrungen gut verstehen konnte. Sie ist anfangs wirklich überhaupt nicht empathisch. Es ist aber schön mitzuerleben, wie sie sich selbst eine (ziemlich radikale) Lösung einfallen lässt.

Zugegeben, Steinar ist anstrengend, aber das akzeptiert man natürlich, weil man weiß, dass gerade die alleinerziehende Mutter des Jungen gestorben ist und er komplett aus seinem gewohnten Umfeld gerissen wurde. Wie schlimm für solch ein kleines Kind!

Emilie zeigt viel Verständnis für Steinar, aber wenig für ihre kleine Schwester. Die Eltern geben sich große Mühe, allen gerecht zu werden, aber verständlicherweise braucht Steinar viel Kraft und Energie, sodass Sara zeitweise wirklich etwas allein dasteht. Dafür unterstützen sie und Emilie sie dann wunderbar bei ihrem etwas abenteuerlichen Plan. Allerdings muss ich sagen, dass die Mutter recht blass bleibt, meist ist es der Vater, der sich um Sara mit ihren Sorgen und Nöten kümmert.

Umbruch aus Kinderaugen

Dies ist keine Heile-Welt-Geschichte, sondern Probleme, die in solch einer Situation auftreten, werden realistisch und glaubwürdig geschildert. Die Autorin versucht nicht, drumherumzureden oder zu beschönigen, sondern sie zeigt die  Schwierigkeiten, die sich für die Familie ergeben. Gut, ich fand es unlogisch, Steinar zu Sara ins Zimmer ziehen zu lassen, weil die beiden im Alter etwas näher aneinander sind als Emilie und Sara. Aber so ist hier nun einmal die Ausgangssituation. Viele Kinder, die gerade einen ungewollten Umbruch in ihrem Leben mitmachen müssen und sich irgendwie arrangieren müssen – oder eine solche Situation früher schon erlebt haben – werden sich gut in Sara hineinversetzen können. Ohne sie zu fragen stellt man ihre ganze Welt auf den Kopf.

Wie Sara sich mit der Situation arrangiert, ist nicht nur spannend mitzuerleben, sondern auch sehr humorvoll geschildert. Gleichzeitig erleben die Leser*innen, wie Steinar sich nach und nach an sein neues Leben gewöhnt. Ob aus der Patchwork-Situation irgendwann eine richtige Familie wird?

Intensive Geschichte

Die meisten Kapitel sind ziemlich kurz, eine oder zwei Seiten lang. Erst in der zweiten Hälfte des Buches kommen einige etwas längere Kapitel. Die Geschichte wird von der neunjährigen Sara erzählt. Folglich sind die Sätze kurz und nicht kompliziert. Es gibt viele Bilder, einfache, aber treffende Zeichnungen in Blau, Gelb und Grün.

Das alles bedeutet, dass auch Kinder, die noch nicht so viel Übung beim Lesen haben, hier Erfolgserlebnisse haben. So kann ich mir gut vorstellen, dass sie trotz des schwierigen Themas gut bei der Stange bleiben.

Es muss auch niemand befürchten, dass die Geschichte todernst ist. Es gibt durchaus auch lustige Momente und Sara schildert die Ereignisse mit einer guten Portion Selbstironie.

Mir gefällt der Stil sehr gut. Das schwierige Thema wird warmherzig und humorvoll umgesetzt, das Buch lässt sich sehr gut lesen.

Ein Bruder zu viel ist in der Kategorie Kinderbuch für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Fazit: Ein neues Familienmitglied bringt das Familiengefüge gehörig durcheinander. Wie sich das für sie anfühlt, schildert die neunjährige Protagonistin glaubhaft und nachvollziehbar. Für Leser*innen von 9 bis 11 Jahren.

Linde Hagerup, Felicitas Horstschäfer: Ein Bruder zu viel. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Gerstenberg 2019. 144 Seiten, Euro 14,95, ISBN 978-3-8369-5678-9.

Ich werde versuchen, alle Bücher zu besprechen, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert sind. Auf einer Übersichtsseite sammele ich Links zu allen Rezensionen.

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Ein Kommentar zu “Rezension: Linde Hagerup: Ein Bruder zu viel

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