Kirsten Boie: Dunkelnacht. Rezension

Drei Tage im April

Das Buch berichtet über die Geschehnisse in dem kleinen bayerischen Ort Penzberg am Ende des Zweiten Weltkrieges. Es umfasst gerade einmal drei Tage, vom 27. bis zum 29. April 1945. Der Ort ist von den Kriegszerstörungen weitgehend verschont geblieben und im Radio hört man, dass die Amerikaner schon nahe sind. Das Radio wurde schon übernommen? Die Amerikaner nahen? Das löst einige Ereignisse aus: Eine Gruppe von Männer zieht los, um den Bergwerksbesitzer zu überzeugen, das Bergwerk nicht zu sprengen, wie es der Befehl der Nazis war. Die Arbeiter rebellieren gegen diese Anweisung. Gleichzeitig versucht der Bürgermeister, im Rathaus Akten zu vernichten. Doch das bleibt nicht unbemerkt. Und schließlich kommen nicht die Amerikaner, sondern deutsche Truppen auf dem Rückzug. Besonnene mahnen, einfach weiterzuziehen. Andere wollen Rache an den Verrätern. Das ist für einige die Gelegenheit, alle aufzulisten, die in den letzten Jahren unangenehm aufgefallen sind. Das Unheil nimmt seinen Lauf …

Diese drei Tage werden von einigen Jugendlichen miterlebt. Sie alle müssen entscheiden, auf welcher Seite sie stehen. Gustl ist ganz scharf darauf, endlich dabeizusein, hat sich gerade als Werwolf gemeldet und kommt ausgerechnet in seinen Heimatort, wo gerade gegen Menschen gewütet wird, die er kennt. Marie und Schorsch, die alles akribisch beobachten, wählen die andere Seite. Das ist gefährlich.

Wahre Geschehnisse

Die Geschichte beruht auf wahren Geschehnissen. Der Krieg schien vorbei zu sein, doch eine unglückliche Wendung bringt noch einmal Nazis in eine Kleinstadt, mit schlimmen Folgen. Mahnende Worte finden kein Gehör, die Mordlust nimmt überhand und viele Menschen verlieren ihr Leben.

Ein auktorialer Erzähler berichtet neutral und offenbar unberührt über die Jugendlichen, ihre Entdeckungen und Entscheidungen, aber auch über die Ereignisse in Behörden und Amtsstuben, sodass sich ein umfassendes Bild ergibt. Die Leser:innen erleben mit, wie das Unglück seinen Lauf nimmt. Trotz der erzählerischen Distanz wird Nähe aufgebaut, auch wenn man die Ereignisse von außen betrachtet, ist man als Leser:in mittendrin.

Die Jugendlichen sind sehr authentisch und glaubwürdig dargestellt, ihre Handlungen und Entscheidungen sind nachvollziehbar. Selbst bei Gustl, den wir aus heutiger Sicht von Anfang an kritisch betrachten, konnte ich irgendwie nachvollziehen, warum er unbedingt zu den Werwölfen wollte.

Gut gewählt ist der Einstieg mit einem Treffen von Marie und Schorsch. Schorsch ist in Marie verliebt, die aber eher für Gustl schwärmt. Es kommt zu einem Kuss, der Marie durcheinanderbringt. Sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. Es ist also ein zeitloser Einstieg, der den jugendlichen Leser:innen problemlos den Zugang zum Text ermöglichen sollte. Wenn dann Marie und Schorsch die weiteren Ereignisse verfolgen und entsetzt erkennen, wie alles immer mehr eskaliert, bis schließlich der lynchende Mob durch die Straßen zieht, entsteht natürlich wieder etwas mehr Distanz. Während Marie noch von Gustl träumt, haben wir schon erfahren, welchen Weg er gewählt hat.

Eskalation der Ereignisse

Atemlos habe ich die Eskalation der Ereignisse bis zum schrecklichen Höhepunkt und der mutigen Entscheidung der Jugendlichen verfolgt. Kaum zu glauben, dass dieser Irrsinn wenige Tage vor Kriegsende geschehen konnte, weil einige (viele) Menschen auch in der Stunde der Niederlage nicht von ihrer verbohrten Ideologie lassen konnten, weil andere obrigkeitsgläubig waren und die Mahner und Bremser misstrauisch betrachtet wurden und dadurch auch ihr Leben riskierten.

„Dunkelnacht“ ist kein dickes Buch, es ist schnell gelesen. Das nimmt ihm aber nichts von seiner Wirkung, im Gegenteil. Es berührt, es schockiert, und es macht einmal mehr den Irrsinn dieser Ideologie deutlich. Kirsten Boie gelingt es gut, den Leser:innen anhand dieser Episode den Wahnsinn der menschenverachtenden Ideologie der Nazis aufzuzeigen. Es ist auch ein gutes Psychogramm von Menschen, die zwar erkennen, dass es eigentlich vorbei ist, die aber aus Angst um ihr eigenes Leben oder ihre Position weiterhin mitmachen. Es lässt sich gut zu verfolgen, wie viele Menschen einfach die Augen verschlossen, statt zu helfen, ebenfalls aus Sorge um ihr Leben und das ihrer Familien. Letzteres ist leider sehr gut nachzuvollziehen, genau deswegen ist es aber umso wohltuender mitzuerleben, dass einige wenige trotz der Gefahr halfen. Viele grausame Szenen machen die Lektüre belastend, das Büchlein sollte aber trotzdem von vielen Jugendlichen, aber gerne auch Erwachsenen gelesen werden.

Fazit: Eine kurze, zu Herzen gehende Geschichte, die an einem wenig bekannten Ereignis noch einmal den Wahnsinn der Nazi-Ideologie aufzeigt und deutlich macht, wie Menschen mit Angst reagieren können. Die eindringliche Lektüre ist für Jugendliche ab 15 Jahren geeignet.

Kirsten Boie: Dunkelnacht. Oetinger 2021. 112 Seiten, Euro 13,00, ISBN 978-3-7512-0053-0.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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