Jana Steingässer: Paulas Reise oder Wie ein Huhn uns zu Klimaschützern machte

Jana Steingässer: Paulas Reise oder Wie ein Huhn uns zu Klimaschützern machte

Auf den Spuren des Klimawandels

Paulas Familie besitzt Hühner. Als Paulas Henne ausgerechnet im Dezember ihr erstes Ei legt, wird Paula nachdenklich. Normalerweise legen Hühner im kalten Winter keine Eier, aber gerade ist es so warm, dass die Familie im T-Shirt draußen spielt. Paula stellt ihren Eltern viele Fragen und hört, dass der Klimawandel für so etwas verantwortlich ist.

Wären wir eine ganz normale Familie, wäre vielleicht nichts weiter passiert. Vielleicht hätten wir Emmas Eier in die Pfanne gehauen und den Klimawandel einfach wieder vergessen. Aber meine Eltern sind Journalisten. Sie stecken ihre Nase gerne in alles Mögliche. Deshalb beschlossen sie, auf einer Reise um die Welt all unseren Fragen nachzugehen. Mittendrin meine Geschwister und ich.

Und so kommt es, dass die komplette Familie – die Eltern, Paula und ihre jüngeren Geschwister Mio, Hannah und Frieda – einige ungewöhnliche Reisen unternimmt: nach Grönland, zu Fuß über die Alpen, nach Südafrika und auf dem Pferderücken durch Albanien. Auf diesen Reisen lernen sie viele Folgen des Klimawandels kennen.

Paulas Familie (c) Jens Steingässer

Wichtiges Thema, verständlich angesprochen

Die Leserinnen und Leser werden in diesem Buch (vermeintlich) durch eine Gleichaltrige angesprochen, die sich die gleichen Fragen gestellt hat wie sie selbst es vielleicht tun. Nun hat nicht jeder die Möglichkeit, solche Reisen zu unternehmen, aber Paulas Erlebnisse zu verfolgen ist spannend und ihre Erkenntnisse werden so sehr eingängig vermittelt.

Der größte Teil des Textes ist Paulas Bericht gewidmet, aber in Kästchen werden wichtige Begriffe oder Phänomene erklärt, z. B. der Unterschied zwischen Wetter und Klima, Klimazonen, Klimasysteme usw. Hier finde ich, dass stellenweise etwas für die Zielgruppe etwas zu schwer verständlich formuliert wird.

Anders gestaltete Kästchen vermitteln wissenswerte Fakten: Was bedeutet es die die Umwelt, wenn man mit dem Auto zum Bäcker fährt, um ein paar Brötchen zu holen? Welche Temperatur würde ohne natürlichen Treibhauseffekt auf der Erde herrschen? Wer ist gemeint, wenn im Buch von Wissenschaftlern geredet wird?

Paulas Huhn, das die Fragen ausgelöst hat, aber natürlich zu Hause bleiben musste, taucht trotzdem immer wieder im Buch auf. Immer wieder streckt es seinen Kopf ins Bild und berichtet, was die Hühner währenddessen daheim erleben.

Wissen spannend vermittelt

Das Buch lässt sich sehr angenehm lesen. Es ist interessant und fesselnd, die Abenteuer von Paulas Familie zu verfolgen. Es geht nicht nur um Klimafakten, zumindest vordergründig, sondern man erlebt auch mit, wie Paulas Geschwister mit ihren grönländischen Freunden herumtoben oder Paula sich wundert, weil dort im Supermarkt gleichzeitig Osterhausen und Nikoläuse angeboten werden. Das lockert das Ganze auf.

Das Buch ist gut aufgebaut, die Lernkurve dürfte recht steil sein. Auch ich habe bei der Lektüre viel gelernt, nicht alle Fakten waren mir bekannt.

Trotzdem hat das Buch einige Fragen bei mir aufgeworfen, z. B. ob es sinnvoll ist, mit einer Familie um die Welt zu reisen, um zu schauen, was der Klimawandel anrichtet. Einige davon hat Jana Steingässer in einem Interviw beantwortet, das der Verlag zur Verfügung gestellt hat. Darüber hinaus habe ich ihr noch einige weitere Fragen gestellt, die sie mir netterweise beantwortet hat (Danke!). Dabei äußert sie sich zum Beispiel auch zur Fridays-for-Future-Bewegung – das Lesen lohnt also.

Besonders wichtig finde ich folgenden Satz:

Ich will Kindern unbedingt Mut machen, zum einen selbst Dinge im Alltag zu verändern, zum anderen aber auch groß zu denken.

Interview mit Jana Steingässer

Ich beginne mit meinen Fragen:

1. Das Buch berichtet aus Sicht Ihrer Tochter Paula, sie ist aber nicht als Co-Autorin genannt. Wie viel von Paula steckt wirklich in dem Buch? Legen Sie ihr nur Worte in den Mund oder handelt es sich wirklich um Paulas Sicht der Dinge?

Paula und ich hatten überlegt, das Buch zusammen zu schreiben. Paula hatte sogar ein Probekapitel verfasst, hat aber ziemlich schnell gemerkt, dass es ihr schwer fällt, einen für die Altersgruppe angemessenen Erzählton zu finden. Daraufhin haben wir dann ein Probekapitel gemeinsam inhaltlich durchdacht, ich habe den Erzählton entwickelt, habe das erste Kapitel geschrieben und es Paula vorgelegt. Sie war damit zufrieden, und so ging das Probekapitel an den Verlag. Vor Manuskriptabgabe habe ich Paula das komplette Manuskript zur Durchsicht gegeben. Es war mir schon sehr wichtig, dass sie sich darin wiederfindet und es „freigibt“.

Trotzdem ist klar, dass die Paula im Buch nicht exakt die Paula ist, die mit uns auf Reisen war. Wir haben uns Paulas Wahrnehmung so weit wie möglich angenähert, und dabei so frei wie möglich erzählt. Paula wollte übrigens nicht als Co-Autorin genannt werden, weil ich die Schreibarbeit erledigt habe – da ist sie sehr genau.

2. Eltern wird häufig vorgeworfen, dass sie ihre Kinder zu sehr im Internet/in der Öffentlichkeit präsentieren. In Ihrem Buch lernen wir Ihre vier Kinder gut kennen, erfahren, was sie mögen oder nicht, lesen lustige Sprüche oder Anekdoten. Hatten Sie keine Sorge, Dinge zu erzählen, die den Kindern später einmal unangenehm oder peinlich sein werden?

Nein, ich bin auch da ähnlich vorgegangen wie oben beschrieben. Wenn unsere Kinder nicht wollen, dass bestimmte Anekdoten erzählt werden, und das kommt vor, dann werden sie auch nicht erzählt. Trotzdem kann es auch sein, dass unsere Kinder irgendwann keine Lust mehr darauf haben, Teil dieser Projekte zu sein. Dann werden wir das akzeptieren.

3. Nicht jeder kann und will mit seinen Kindern nach Grönland reisen, um ihnen die Folgen des Klimawandels zu zeigen, und nicht jeder hat Hühner, die im Winter Eier legen. Haben Sie Vor-Ort-Tipps für Familien? Wie kann man seine Kinder hier für das Thema sensibilisieren?

Es reicht aus, in den nächsten Wald zu gehen und mit offenen Augen durch die Natur zu laufen. Wenn man dann noch Jemanden dabei hat, der den Kindern beispielsweise bestimmte Vögel zeigen kann, deren Zugrhythmus sich verschoben hat, oder Pflanzen, deren Blütezeit sich verfrüht, ist das für Kinder ja sehr einfach zu verstehen. Die Gletscher der Alpen waren für unsere Kinder ein absolutes Aha-Erlebnis. Da haben sie mit eigenen Augen gesehen, in welcher Geschwindigkeit sie an Masse verlieren. Und gerade der letzte Sommer hat haufenweise Möglichkeiten geboten, das Thema Klimawandel sowohl visuell als auch in komplexen Zusammenhängen direkt vor der eigenen Haustür zu verdeutlichen.

4. Was halten Sie von der „Fridays for Future“-Bewegung?

Die finde ich super! Wir dürfen unseren Kindern und Jugendlichen wirklich mehr zutrauen. Vor allem die Gestaltung ihrer Zukunft. Gerade gestern habe ich einen sehr spannenden Artikel über die Chancen der Pubertät gelesen. Da wurde mir wieder klar, dass es keine andere Zeitspanne im Leben eines Menschen gibt, in der mehr mehr Kreativität und Innovationspotential freigesetzt wird. Es gibt ja einen deutschen Politiker, der tatsächlich propagiert hat, solche komplexen Themen wie Klimawandel den Experten zu überlassen – und damit hat er ja impliziert, dass Kinder und Jugendliche nicht in der Lage sind, so komplexe Themen zu überblicken und daraus Handlungsmöglichkeiten abzuleiten. Dass Erwachsene so verblendet sein können, macht mich sprachlos.

Abgedeckter Gletscher (c) Jens Steingässer

Und nun noch die Fragen und Antworten aus der Pressemappe des Verlag:

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, auf den Spuren des Klimawandels um die Welt zu reisen?

Klimawandel war schon lange ein Thema in unserer Familie, aber irgendwie sehr abstrakt, weit weg und nicht ausreichend alltagsrelevant. Als Emma die ominösen Eier im Dezember legte, kam das Thema Klimawandel plötzlich direkt in unseren Garten. Wir fanden heraus, dass viele Tiere in ihrem Verhalten vom Klimawandel beeinflusst werden. Das war ein Schlüsselerlebnis.

Wie ist Ihre Reiseroute entstanden? Haben Sie die Ziele alle schon im Vorfeld festgelegt?

Die Reiseroute haben wir nach und nach festgelegt. Zuerst stand Grönland auf dem Programm, weil sich dort die Auswirkungen von Klimawandel visuell und erzählerisch besonders gut darstellen lassen. Und auch weil wir alle eher Nordlichter sind 😉 Nach jeder Etappe haben wir weiter recherchiert und relevante Themen herausgearbeitet, wie Klimawandel und Biodiversität, Klimawandel und Nahrungsmittelsicherheit, Klimawandel und kulturelle Vielfalt – und haben dann dazu passende Ziele ausgewählt. Zu Beginn haben wir dafür noch Flugreisen in Kauf genommen, seit drei Jahren vermeiden wir das wenn irgendwie möglich.

Als Großfamilie um die Welt zu reisen, erfordert auch eine Menge Planung. Wie lange haben Sie für die Vorbereitungen gebraucht?

Das lässt sich pauschal nicht sagen. Wir sind ja nach jeder Etappe wieder nach Hause gekommen. Am aufwändigsten war aber ganz sicher die Vorbereitung für Grönland. Was braucht eine Zweijährige im grönländischen Winter? Wie ernähren wir uns dort als Vegetarier? Wo leben wir? Wie bewegen wir uns fort?… Unsere journalistische Arbeit haben wir inhaltlich zu Hause vorbereitet, haben uns vor Ort aber treiben und auch überraschen lassen.

Wie lange waren Sie insgesamt unterwegs? Und wie haben Sie sich überwiegend fortbewegt?

Wir waren seit 2012 jedes Jahr mehrere Monate unterwegs, wenn möglich haben wir die Ferienzeiten mit einbezogen. Dabei mussten wir uns die Frage stellen, ob wir für ein journalistisches Projekt zum Klimawandel überhaupt ins Flugzeugen steigen wollen. Letztendlich haben wir uns bei ein paar der Reisen dazu entschieden, weil wir es absolut wichtig fanden, auch weiter über den Tellerrand zu schauen. Dafür haben wir auch viel Kritik geerntet. Das hat uns wiederum geholfen, das Projekt noch einmal zu überdenken und auch mit den Kindern zu besprechen. Wir haben in den letzten drei Jahren jetzt alle Ziele so gelegt, dass wir sie ohne Flugzeug erreichen können. Unterwegs nutzen wir alle möglichen Fortbewegungsmittel, vom Auto über Busse, Züge, Hundeschlitten, Kamele, Pferde usw.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse bzgl. des Klimawandels, die Sie während Ihrer Reise gewonnen haben?

Dass Klimawandel durch die Komplexität des Phänomens, durch die räumliche und zeitliche Verschiebung von Ursache und Wirkung, die größte Herausforderung der Menschheit ist. Es werden große kulturelle, politische und wirtschaftliche Veränderungen nötig sein, damit wir unseren Kindern einen einigermaßen lebenswerten Planeten hinterlassen. Die Verantwortlichen sind viel zu träge. Es braucht Menschen mit Träumen und Ideen, die sich nach vorne trauen. Kinder und Jugendliche mit Mut.

Wie kamen Sie auf die Idee, das doch eher komplexe Thema Klimawandel nach Ihrem bereits erschienenen Reisebericht für Erwachsene nun auch Kindern nahezubringen?

Gerade die Komplexität war der Ansporn. Aber auch die große Möglichkeit, über die Geschichten, die unsere Kinder erlebt haben, andere Kinder und Jugendliche zu erreichen. Nach unseren Vorträgen kommen so oft Eltern zu uns und sagen: „Den Vortrag wollen wir unbedingt noch einmal mit unseren Kindern sehen.“ Ich will Kindern unbedingt Mut machen, zum einen selbst Dinge im Alltag zu verändern, zum anderen aber auch groß zu denken.

Außerdem ist das Kinderbuch ja ganz anders aufgebaut. Es erzählt aus Paulas Perspektive, erklärt die Zusammenhänge viel genauer, altersgerecht und humorvoll, und nimmt Kinder zugleich mit auf eine superspannende Reise, letztendlich auch in den eigenen Alltag und zu den eigenen Möglichkeiten.

Fazit: Indem die Leserinnen und Leser die persönlichen Abenteuer der Familie miterleben können, wird ihnen das komplexe Thema Klimawandel gut verständlich nahegebracht. Durch die Fridays-for-Future-Bewegung dürfte dieses Thema momentan sehr viele Kinder und Jugendliche interessieren. Dieses Buch ist für Leserinnen und Leser ab 10 Jahren ein toller Einstieg.

Jana Steingässer: Paulas Reise. Oetinger 2019. 144 Seiten, EUR 17,00, ISBN: 978-3-7891-0965-2.

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