Kristin Mahoney: Mein Leben in Listen. Annies Geschichte

Ein Mädchen mit fantastischem Gedächtnis

Die zehnjährige Andromeda, genannt Annie, hat ein phänomenales Gedächtnis und eine sehr gute Beobachtungsgabe. Sie kennt alle Schüler der Schule und merkt sich alles, was sie einmal über sie erfahren hat: welchen Sport sie machen, welche Lieblingseissorte sie haben oder in welche peinliche Situation sie vor x Jahren im Kindergarten geraten sind. Da sie selber sehr still und unscheinbar ist, nehmen die Leute sie oft gar nicht wahr und sind dann völlig verblüfft, wenn eine vermeintlich Unbekannte so viel über sie weiß.

Vier Gründe, warum ich still bin

  1. Ich höre zu.
  2. Ich schaue zu.
  3. Ich denke nach.
  4. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Dummerweise kann Annie sich manchmal nicht zurückhalten. Und so plaudert sie im Büro des Schulleiters indirekt aus, dass die Familie schon vor längerer Zeit umgezogen ist – in einen anderen Schulbezirk. Deswegen darf Annie die Schule nur bis zum Ende des Schuljahres besuchen. Schrecklich! Doch dann eröffnen ihr ihre Eltern, dass sie umziehen werden, weil ihr Vater eine neue Arbeit gefunden hat: aus Brooklyn in ein Nest namens Kleewinkel. Annie denkt, dass sie schuld daran ist und ihr Bruder Theo, der das ebenfalls denkt, ist stinksauer auf sie.

In Kleewinkel ist fast alles anders als in Brooklyn. Annie möchte neue Freunde finden und versucht, ihre besondere Fähigkeit zu verstecken, aber das ist gar nicht so einfach. Auch die anderen Familienmitglieder haben Probleme, mit der neuen Situation zurechtzukommen.

Alles, was sie erlebt, schreibt Annie in Listen auf – das ganze erste Jahr in Kleewinkel.

Drei Dinge, die ich Mama schließlich erzählte

  1. Nein, sie wissen nicht, was für ein beachtliches Gedächtnis ich habe, und ich will, dass es so bleibt.
  2. Ich hasse mein Gedächtnis. Es ist peinlich und bringt mich nur in Schwierigkeiten. Deswegen bin ich in Brookly von der Schule geflogen.
  3. Ich werde niemals die Probleme wiedergutmachen können, die mein Gedächtnis dort verursacht hat, aber wenigstens kann ich es hier unter Verschluss halten.

Drei Mienen, die Mama dann aufsetzte

  1. Verwirrt
  2. Traurig
  3. Noch trauriger

Vier Geständnisse, die Mama dann machte

 

Herausforderung Umzug

Aus Brooklyn in ein 8.000-Seelen-Nest – dass das eine große Umstellung ist, kann man sich gut vorstellen. Annies Mutter kommt noch am besten mit der Situation zurecht, am meisten leidet Annies älterer Bruder Theo, der sehr unglücklich ist. Er hasst Annie dafür, dass sie vermeintlich schuld an dem Umzug ist. Sie selber macht sich viele Gedanken darüber und fühlt sich ebenfalls schuldig.

Annie ist ein sehr stilles und unscheinbares Mädchen, das es gewohnt ist, oft übersehen zu werden. In Brooklyn hatte sie eine Freundin, Melli, nun hat sie Sorge, ob sie eine neue Freundin finden wird – oder zumindest eine Ersatzfreundin, denn die Mädchen haben sich ewige Treue geschworen. In der neuen Schule wird sie von einem Mädchen sehr nett aufgenommen, der temperamentvollen Zora. Doch Zoras Freundin Amelie ist eifersüchtig. Annie ist sich nicht sicher: Hasst Amelie sie? Es sieht so aus. Und dann gibt es noch die stille Leseratte Kathie und die Jungs Charlie und Elias, die alle ganz okay zu sein scheinen. Mit der Zeit stellt Annie fest, dass das Leben in der Kleinstadt gar nicht so schlecht ist. Vor allem, wenn man Freunde findet, mit denen man Spaß haben kann.

Ich finde Annie sehr glaubhaft geschildert, ebenso die anderen Charaktere, die netten ebenso wie die ein wenig blöderen. Man kann sich gut in sie und ihre schwierige Lage hineinversetzen, sie für ihre Missgeschicke bedauern, aber trotzdem darüber lachen. Gut finde ich, dass hier einmal ein sehr stilles, eher introvertiertes Mädchen die Heldin ist und man sehr deutlich sieht, dass das auch vollkommen in Ordnung ist.

Listen, Listen, Listen

Da das Buch überwiegend aus Listen besteht, auch wenn Annie zwischendurch das eine oder andere erzählt, lässt es sich sehr schnell und locker lesen. Gelegentliche kleine Illustrationen und Vignetten lockern es auf.

Diese Listensache ist ja nun nicht mehr neu und nicht mehr besonders originell. Ich finde aber, dass dieser Listenroman sehr gut gelungen ist. Man bekommt einen guten Einblick in Annies Gefühls- und Gedankenwelt. Die Schilderungen sind häufig lustig. Ich litt ein wenig mit Annie mit, weil sie sich die ganze Zeit die Schuld daran gibt, dass die Familie umziehen musste. Dass alles ganz anders ist, finden sie und Theo schließlich heraus. Jedenfalls ist die Gefühlwelt einer Zehnjährigen sehr glaubhaft dargestellt. Dass sie meint, ihr besonderes Talent verstecken zu müssen, ist ein wenig traurig. Doch sie findet einen Weg, damit umzugehen.

Wenig diverse Gesellschaft

Im Gegensatz zu Brooklyn sind die Bewohner von Kleewinkel überwiegend weiß, was für Annie überraschend ist. Zoras Familie stammt aus Jamaika, was für Annie gar kein Problem darstellt. Sie denkt darüber nicht weiter nach, bis sie erfährt, dass Charlies Großmutter nicht möchte, dass ihr Enkel mit Zora befreundet ist – und schon früher so war, als Zoras und Charlies Mütter befreundet waren. Das Buch enthält also auch ein wenig Gesellschaftskritik. Vor allem ist es aber eine lustige Geschichte über ein Mädchen, dass auf der Suche nach seinem Platz im Leben ist.

Sehr verwirrend finde ich, dass auf dem Titelblatt ein anderer Titel steht wie auf dem Cover: außen „Mein Leben in Listen. Annies Geschichte“, innen „Annies Leben in Listen“. Vermutlich wurde der Titel im Laufe der Zeit mal geändert und man hat versäumt, das auf dem Titelblatt zu ändern. Ich habe ja schon eine Menge Fehlern in Büchern entdeckt, aber das ist mal etwas Neues.

Fazit: Eine lustige Geschichte in Listenform über ein Mädchen mit fantastischem Gedächtnis, das sich dadurch manchmal in unmögliche Situationen bringt. Für Leserinnen und Leser ab 10 Jahren.

Kristin Mahoney: Mein Leben in Listen. Annies Geschichte. Illustrationen von Rebecca Crane. Aus dem Englischen von Diana Steinbrede. Schneider 2019. 320 Seiten, Euro 14,00, ISBN 978-3-505-14257-4.

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2 Kommentare zu “Kristin Mahoney: Mein Leben in Listen. Annies Geschichte

  1. Klingt nett. Also auch, dass sich die Bücherverlage immer neue, manchmal auch nicht so schlimme oder sogar eher lustige Fehler erlauben wie hier verschiedene Buchtitel um dem Käufer klar zu signalisieren, dass man für den Preis eben kein Qualitätsprodukt verlangen kann. Oder was sollte sonst der Grund für die Einsparungen in Redaktion und Lektorat sein? Für mich spannend: wo liegt eigentlich Kreewinkel in Nordamerika? Denn dort spielt ja die Geschichte, wie der eher original gebliebene Name Brooklyn andeutet. Dass ihr Gedächtnis ein edler Schatz so gut wie eine Strafe, was sie ja schon empfindet, ist wird das Mädchen schon noch herausfinden. Dass sie dann ihren Partnern noch etwas mehr als die durchschnittliche Frau auf die Nerven gehen wird allerdings auch („aber du hast am … gesagt, daß…“). Diese Listenschreiberei, nicht so sehr das gute Gedächtnis, und die Introvertiertheit kommen mir sehr vertraut vor.

    • Der Ort heißt Kleewinkel. Ich habe nicht nachgeforscht, weil ich den Namen für erfunden halte. Dort spielt der Klee eine wichtige Rolle, einmal im Jahr gibt es ein großes Kleefest. Ich fand das ein bisschen parodistisch, weil es in den USA ja viele Orte gibt, in denen eine bestimmte Pflanze oder andere Besonderheit quasi verehrt wird. Ich habe darüber nicht geschrieben, weil ich fand, das würde den Rahmen sprengen.

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