Hanna Schott: Fritzi war dabei. Eine Wendewundergeschichte

Der Wendeherbst jährt sich dieses Jahr zum dreißigsten Mal. Zeit, ein Kinderbuch zu rezensieren, das die Ereignisse in der DDR für Kinder gut verständlich erklärt.

Zeit der Veränderungen

Als am 1. September 1989 die Schule nach acht Wochen Sommerferien wieder anfängt, ist für die Leipziger Viertklässlerin Fritzi zunächst alles wie immer: Wiedersehen mit den Klassenkameraden, Fahnenappell, neuer Stundenplan … Allerdings fehlt ihre Freundin Sophie und ihre Klassenlehrerin macht eine Bemerkung, die Fritzi zunächst gar nicht versteht.

„Sophie ist nicht krank. Ihre Eltern halten es für besser, ihr Kind in einer Turnhalle übernachten zu lassen und einer ungewissen Zukunft auszusetzen, als seine Teilnahme an einem geregelten Schulunterricht zu ermöglichen.“

In den nächsten Tagen erfährt sie nach und nach, was vorgeht. Viele Bewohner der DDR sind nicht aus dem Urlaub in Ungarn oder der Tschechoslowakei zurückgekehrt, sondern hoffen, über diese Länder in die Bundesrepublik reisen zu können. Dort wollen sie lieber leben, weil sie sich in der DDR nicht mehr wohlfühlen. Andere demonstrieren, weil sie nicht weggehen möchten, sondern wollen, dass sich die DDR verändert. Ihre Mutter nimmt sie sogar einmal mit zu einem Friedensgebet in die Nikolaikirche.

Aufmerksam beobachtet und beschreibt Fritzi die Geschehnisse bis zur Grenzöffnung. Da passiert ein Wunder: Sie darf die Schule schwänzen, ihr Vater packt sie ins Auto und sie fahren nach München, um ihre Oma zu besuchen.

Der Wendeherbst aus Kindersicht

Die Ereignisse vom 1. September bis zum 9. November 1989 werden hier durch die Augen einer Viertklässlerin geschildert, die den Staat, in dem sie lebt, unkritisch als gegeben hingenommen hat, wie es für ihr Alter normal ist. In ihrer Familie gab es keine Diskussionen, nur die Oma aus München macht manchmal Bemerkungen, die ihre Eltern beunruhigen und die Fritzi nicht immer versteht. Zum Schuljahresbeginn war für sie noch wichtig, dass sie nun ein rotes Halstuch tragen darf. Auch wenn sie Halstücher blöd findet, es zeigt, dass sie schon groß ist.

Doch nun verschwinden Klassenkameraden, Kollegen oder Schüler der Eltern. Die Mutter zeigt auf einmal ihre Unzufriedenheit mit dem System, spricht vom Weggehen und geht demonstrieren, während der Vater der Meinung ist, dass ja nicht alle gehen können. Die Eltern streiten deswegen sogar. Ständig schauen sie im Westfernsehen, was es Neues gibt. Nicht immer versteht Fritzi genau, was vor sich geht. Doch schließlich wird die Grenze geöffnet und zum ersten Mal kann sie auf Besuch zu ihrer Oma fahren.

Vor 30 Jahren

Was für die Elterngeneration erlebte Geschichte ist, ist für die Kinder irgendein Ereignis von früher. Dreißig Jahre sind für sie ewig her. Doch ich finde es wichtig, dass Kinder erfahren, was damals passiert sind. Bei vielen besteht auch ein Bezug zur Familiengeschichte. Vielleicht reden Angehörige immer mal wieder darüber, wie es war „als wir über Ungarn nach Österreich gekommen sind“, „als wir in der Prager Botschaft waren“, „als die Mauer fiel“ … Aber auch Kinder ohne DDR-Verwandte hören in diesen Tagen immer mal wieder etwas über die Mauer, die das Land teilte. Was hat es damit auf sich?

Dieses Buch erklärt nicht, warum es zwei deutsche Staaten gab, wieso man nicht reisen konnte. Für diese Hintergründe gibt es andere Kinderbücher, die ich demnächst vorstellen werde. Aber was im Herbst ’89 passierte, wird gut verständlich. Mir gefällt besonders gut, dass nicht nur nüchtern die Ereignisse geschildert werden, sondern auf deutlich wird, wie aufregend diese Zeit war und dass es nicht ungefährlich war zu demonstrieren.

Gelegentlich kommen Wörter vor, die nicht unbedingt selbsterklärend sind, auch wenn die Leserinnen und Leser sich das vermutlich zusammenreimen können (z. B. Begrüßungsgeld, Thälmann-Pionier). Insgesamt ist der Text aber gut verständlich. Auch die Bilder gefallen mir gut. Größtenteils sind sie in comicartigem Stil, einige Bilder sind aber auch feiner ausgearbeitet. Sehr beeindruckend ist eine Montagsdemonstration dargestellt, die Fritzi und ihr Vater aus dem Fenster beobachten: Gleich zwei Doppelseiten hintereinander kommen ohne Text aus, zeigen lediglich Menschenmassen mit einigen Plakaten.

Dieses Buch ist kürzlich verfilmt worden. Ich kenne aber den Film nicht und kann daher nicht sagen, wie nah er am Buch ist.

Fazit: Die letzten Tage der DDR aus der Sicht einer Leipziger Schülerin gut erzählt für Kinder ab 8 Jahren. Wer seinen Kindern erklären will, was damals passiert ist, liegt mit diesem Buch richtig.

Hanna Schott, Gerda Raidt: Fritzi war dabei. Eine Wendewundergeschichte. Klett Kinderbuch, 5. Auflage 2019. 96 Seiten, Euro 11,00, ISBN 978-3-95470-015-8.

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Ein Kommentar zu “Hanna Schott: Fritzi war dabei. Eine Wendewundergeschichte

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