Werner Milstein: Einer muss doch anfangen! Das Leben der Sophie Scholl (Rezension)

Die Biografie einer aufrechten jungen Frau

Am 9. Mai jährt sich Sophie Scholls Geburtstag zum hundertsten Mal. Ein guter Anlass, um sich erneut oder auch zum ersten Mal mit ihrem Leben zu befassen, zumal sie und ihr Leben derzeit gerne einmal instrumentalisiert werden.

Die Biografie schildert ihr kurzes Leben gut verständlich und anschaulich. Es wird klar, wie das christliche Elternhaus ihre Haltung von Anfang an geprägt hat. So könnte man meinen, ihr Weg zum Widerstand sei gradlinig verlaufen. Dem war jedoch nicht so. Sophie Scholl war Mitglied im Bund Deutscher Mädel, leitete sogar eine Gruppe. Dabei genoss sie vor allem die Gemeinschaft, das Unterwegssein in der Natur, das gemeinsame Singen am Lagerfeuer. Erst später merkte sie, welche Ideologie sie damit unterstützte und dass ihre Eltern, die von Anfang an gegen ihr Engagement und das ihrer Geschwister waren, recht gehabt hatten. Im Laufe der Jahre wurde ihre Haltung immer klarer, bis sie sich letztlich entschloss, sich an der Flugblattaktion ihres Bruders und seiner Freunde zu beteiligen.

Ihre klare Haltung ist auch heute noch immer wieder beeindruckend.

 „Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen. “

Das Buch bringt den Leserinnen und Lesern Sophie Scholl mit all ihren Widersprüchen näher. Sie war eine gläubige, belesene junge Frau, die sich von Verboten nicht davon abhalten ließ, die Bücher zu lesen, die ihr wichtig waren, und über Theologie, Philosophie, Moral und Ethik zu diskutieren. Man erkennt, dass sie immer wieder alles neu durchdachte, dass sie zweifelte und hinterfragte, doch dass sie am Ende ganz genau wusste, war ihr wichtig war und wofür sie eintrat. Und das tat sie dann, konsequent bis zum Letzten.

Klarheit und Haltung

Diese Biografie richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene. Sie zeigt viele Bilder von Sophie Scholl und arbeitet viel mit Zitaten, wodurch sie einem schnell recht nahekommt. Besonders gut gefallen hat, mir, dass auch Zeichnungen gezeigt werden, die die begabte junge Frau selbst angefertigt hat. Einige Texte wie Flugblätter oder das Urteil sind als Bild eingefügt und in dieser Form leider nicht zu lesen.

Da Sophie Scholl sehr belesen war, ist es für junge Leute vielleicht nicht immer einfach, ihre Gedanken nachzuvollziehen. Doch wird ihre Gedankenwelt im Grundsatz klar. Man erkennt, dass sie keine Heilige war, sondern auch Zweifel hatte und (aus ihrer Sicht) Fehler machte.

Manchmal gibt es Wiederholungen oder zeitliche Sprünge, die im ersten Moment etwas verwirrten, insgesamt lässt sich der Text aber recht gut lesen. Allerdings halte ich es bei einem derartigen Buch für erforderlich, dass Abkürzungen wie SA, SS oder NSDAP eingeführt werden. Alter und Wissensstand der Lesenden können doch erheblich differieren. Auch hätte ich ein kleines Glossar für sinnvoll gehalten.

Schade: Fehler über Fehler

Als Lektorin weiß ich, dass in (fast?) jedem Buch noch Fehler zu finden sind, weil Lektorat und Korrektorat nun einmal von Menschen gemacht werden, die etwas übersehen können. Das passiert (leider) auch mir. Deswegen gehe ich üblicherweise darüber hinweg, wenn ich mal einen oder zwei Fehler entdecke, und erwähne sie in meinen Rezensionen nicht. Häufen sie sich jedoch, kann ich das nicht mehr. Wenn jemand eine „Kindergrippe“ gründet und von einem schmalen „Grad“ die Rede ist, empfinde ich fast körperliche Schmerzen. Dazu noch „normale“ Vertipper wie „Gerichtigkeit“, fehlende Leerzeichen wie bei „Hitlerhatte“, unterschiedliche Schreibung von Namen, Doppelungen „Zwar überlegte Hans zwar …“ und Fragmente von Änderungen: „Gerne hätte Sophie Scholl in den Weihnachtstagen ihrebegingenndin Lisa Remppis getroffen …“. Auch Zeitfehler kommen vor, so beginnen manche Sätze im Präteritum und enden im Präsens.

Dazu kommen noch inhaltliche Fehler. So wird die Geburt von Sophies jüngerem Bruder Werner erwähnt, kurz darauf die Geburt ihrer Schwester Thilde, die mit nicht einmal einem Jahr an Masern starb. Was lesen wir? „Nun war Sophie das jüngste Kind.“ Nein, der jüngere Bruder Werner wird in der Folge noch häufig erwähnt. Auf Seite 96 steht, dass Sophies Mutter „in diesem Sommer“ (1940) von einer früheren Kollegin von der Euthanasie in dem Stift erfahren hat, in dem beide zusammen gearbeitet haben. Auf Seite 97: „Unklar ist, wann die Familie Scholl von dieser Aktion [Euthanasie, meine Anmerkung] informiert worden war, im Sommer 1940 oder erst im Winter 1941 …“

Manchmal wird nicht deutlich, wessen Meinung dargestellt wird.

Fritz Hartnagel befand sich mit seiner Truppe in Weißrussland. Er war sehr ernüchtert von der Armut dort. Den Menschen war es gleich, unter wem sie leben mussten, sei es der Zar, die Bolschewisten und wer auch immer.

Von wem ist die Aussage im dritten Satz, die weder als Zitat gekennzeichnet noch im Konjunktiv wiedergegeben ist. Hartnagel? Der Autor? Was veranlasst ihn zu dieser Einschätzung?

Das ist sehr schade! Im Grunde ist das ein gutes Buch, und es ist wichtig. Es hätte ein gründliches Lektorat/Korrektorat verdient gehabt. Vielleicht zur zweiten Auflage? Das wäre schön!

Nachtrag: Info des Autors

Der Autor hat meine Rezension entdeckt und mir geschrieben, dass durch einen technischen Fehler Korrekturen nicht eingearbeitet wurden, aber neue Fehler hinzukamen. Der Verlag arbeite aber schon an einer zweiten, korrigierten Ausgabe. Das freut mich sehr, denn dann halte ich das Buch wirklich für sehr empfehlenswert.

Fazit: Ein wichtiges und gut zu lesendes Buch über Sophie Scholl und die Weiße Rose für Jugendliche ab 14 Jahren, das leider viele Fehler aufweist.

Werner Milstein: Einer muss doch anfangen! Das Leben der Sophie Scholl. Gütersloher Verlagshaus 2021. 208 Seiten, Euro 15,00, ISBN 978-3-579-07155-8.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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