Juli Zeh: Socke und Sophie. Pferdesprache leicht gemacht (Rezension)

Ein Herzenswunsch wird wahr

Sophie liebt Pferde. Am liebsten ist sie auf dem Reiterhof, auch wenn sie nur einmal in der Woche reiten kann, weil Reitstunden so teuer sind. Außerdem fänden ihre Eltern es viel besser, wenn sie wie ihr kleiner Bruder Fußball spielen würde, auch weil das ein Teamsport ist. Doch dann bekommt Sophie eine Riesenchance: Sie darf sich um Socke kümmern, ein misshandeltes Pony, das niemanden an sich heranlässt. Sie soll dafür sorgen, dass er sich wieder berühren und später sogar reiten lässt. Dafür hat sie vier Monate Zeit. Dann soll Socke verkauft werden können. Wenn das nicht klappt? Dann bleibt wohl nur der Weg zum Pferdemetzger. Oh je!

Natürlich gibt Sophie alles, um Socke zu helfen, damit er ein gutes Ponyleben führen kann. Zum Glück bemerkt eine erfahrende Reiterin, die ihr Pferd auch in diesem Stall stehen hat, Sophies Probleme und bringt ihr bei, die Sprache der Pferde zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren. So kann sie nach und nach Sockes Vertrauen gewinnen und ihn wieder zu einem geistig gesunden Tier machen.

Doch dann kommt der schreckliche Moment, in dem Socke verkauft wird. Sophie ist untröstlich, auch wenn sie Socke die gute neue Familie gönnt. Doch ist das wirklich das Ende?

In der Geschichte werden viele pferdespezifische Begriffe erwähnt und kurz erklärt, wie man mit Pferden kommuniziert und geht. Am Ende des Hörbuchs folgen fünfzehn Kapitel, in denen solche Begriffe ausführlich erklärt werden, z. B.: Was ist ein Steppentier? Wie begrüßt man sich auf Pferdisch?, Was heißt Desensibilisierung? Leckerlis: ja oder nein? oder Was bringt Bestrafung?

Unermüdliches Pferdemädchen

Die Geschichte wird mal aus Sophies, mal aus Sockes Perspektive geschildert. Das ist sehr hilfreich, weil man so sofort erkennt, wie Sophies gut gemeinte Handungen beim Pony ankommen, was sie falsch macht, wovor das Tier sich ängstigt usw. Beide werden von unterschiedlichen Sprechern gesprochen, sodass es sehr leicht ist, den Überblick zu behalten.

Sophie und Socke sind gleichermaßen sehr sympathisch. Man hofft, dass es dem armen Pony bald wieder besser geht und es versteht, dass Sophie es gut mit ihm meint. Die unermüdliche Sophie steht unter großem Druck von allen Seiten. Sie ist ein bewundernswert starker Charakter. Sie muss gegen so viele Widrigkeiten kämpfen: die Stallbesitzerin, ihren Sohn, ihren Vater, den Zeitdruck, die Schulaufgaben … Dennoch gibt sie nicht auf. Erst am Schluss, als Socke verkauft wird, kann sie nicht mehr. Sehr verständlich!

In die Handlung sind die Erklärungen der erfahrenen Reiterin Frau Vanderbilt knapp eingebunden. Hier finde ich, dass die Sprache manchmal sehr schwierig für die Zielgruppe wird. Ob die Kinder das wirklich alles erfassen und verstehen können? Gut, dass auf diese Begriffe später noch ausführlich eingegangen wird.

Sophies und Sockes Missverständnisse, Bemühungen und Erfolge werden gut verständlich und mit Humor geschildert. Spannende Momente sorgen dafür, dass die Zuhörer*innen bei der Stange bleiben: Wird Sophie die nächste Aufgabe schaffen? Was wird Socke als Nächstes anstellen? Schön ist auch, dass man die Unterhaltungen Sockes mit den anderen Pferden verfolgen kann, das bringt Einblicke von einer ganz anderen Seite und ist häufig lustig.

Die Sprecher*innen sind lebendig und auch Pferd Socke kommt glaubhaft rüber. So macht das Zuhören Freude.

Untaugliche Erwachsene

Die meisten Personen in der Geschichte sind nicht sehr sympathisch. Sophies Vater, der unbedingt will, dass seine Tochter Fußball spielt, ging mir wirklich auf die Nerven. Null unterstützend setzt er seine Tochter permanent unter Druck und akzeptiert nicht, dass sie andere Interessen hat. Auch von Sophies Mutter, die sehr blass bleibt, kommt keine Unterstützung. Sie kommt nur am Rande vor und hat wohl keine eigene Meinung. Frau Hess, die Reitstallbesitzerin, hat andere Interessen als ein Problempferd. Die Tierärztin, die eigentlich mit Rat und Tat zur Seite stehen sollte, glänzt durch Abwesenheit. Sie lässt das Pferd abladen, das war es. Als Sophie daraufhin einfach in Sockes Box hineinmarschierte, habe ich jedenfalls den Atem angehalten. Das hätte böse ausgehen können – unverantwortlich von allen Beteiligten! Was ist, wenn die Zuhörer*innen so etwas nachmachen?

Frau Vanderbilt ist natürlich nett, aber sie kommt eigentlich nur als Erklärstimme vor. Letztlich undenkbar, dass sie eine Zwölfjährige solche Dinge nach ein paar Erklärungen alleine ausprobieren lassen würde.

Der Sohn der Stallbesitzerin ist zunächst eklig zu Sophie, was sich aber im Laufe der Geschichte ändert. Er erkennt ihr Talent im Umgang mit Pferden, profitiert von ihren Erkenntnissen, lernt schließlich begeistert mit und unterstützt Sophie. Hier bahnt sich auch eine zarte Liebesgeschichte an.

Lehrreiche Geschichte

Die Lektionen über Pferde im Allgemeinen und ihre Betreuung und Versorgung im Besonderen sind sehr interessant und auch lehrreich. In der Geschichte sind sie manchmal schwer zu verstehen, denke ich, aber am Schluss werden sie noch einmal ausführlich erklärt. Die Erläuterungen zum früheren Leben der Pferde als Steppentiere und was das für ihre heutigen Handlungen und Reaktionen zu bedeuten hat, sind sehr wichtig, um Pferde zu verstehen.

Bei den Tipps zum Umgang mit Pferden hoffe ich sehr, dass die pferdebegeisterten Kinder nach dem Hören nicht gleich losziehen, um sie am nächstbesten Problempferd auszuprobieren, denn manches scheint mir doch ein wenig gefährlich zu sein. Bei einem friedlichen, ihnen bekannten Pferd mag es angehen, aber auch da weiß man nicht, wie das Tier reagiert, wenn die Kinder einmal testweise mit Regenschirmen herumfuchteln oder mit Planen rascheln.

Grausame Grundvoraussetzungen

So toll ich die Geschichte von Socke und Sophie an sich finde, so unmöglich finde ich die Ausgangssituation. Eine angeblich ganz tolle Tierärztin rettet ein misshandeltes Pony und bringt es dann auf einem Reiterhof unter. Dann lastet sie einem Mädchen ohne jegliche Erfahrung im Umgang mit Pferden, abgesehen von striegeln und Hufe auskratzen, die Verantwortung für dieses verhaltensgestörte Tier auf. Das Mädchen wird unter Druck gesetzt, innerhalb von vier Monaten ein „normales“ Tier daraus zu machen. Wenn es das schafft: Super, dann wird ihm das Tier wieder abgenommen und es wird verkauft. Wenn nicht: einschläfern bzw. ab zum Schlachter. Diese Tierärztin steht Sophie nicht etwa mit Rat und Tat zur Seite und erklärt ihr, wie sie vorgehen muss. Nein, sie lädt das Tier ab und dann muss Sophie sehen, wie sie zurechtkommt. Sie muss sogar das Halfter von ihrem eigenen Taschengeld kaufen.

Das Ganze findet nicht etwa auf einem Hof statt, wo alle sich mit der Versorgung eines solchen schwierigen Tieres auskennen und Sophie unterstützen könnten. Nein, eigentlich werden die Tiere auf dem Reiterhof auch nur mittelprächtig behandelt, es gibt dort sonst nur wertvolle Turnierpferde und die Schulpferde für die Kinder. Sophie muss auch noch mit Spott über ihr Pony zurechtkommen. Wenn nicht die erfahrene Frau Vanderbilt sich der beiden angenommen hätte, was dann? Dazu bekommt Sophie noch Druck von ihrem Vater, dass ihr die Versorgung des Ponys abgenommen werden wird, wenn die Mathenote schlecht bleibt. Puh! Ein Glück, dass das Mädchen offenbar eine stabile Psyche hat.

Natürlich macht es Sophie erst recht zur „Heldin“, dass sie auch unter diese Umständen klarkommt. Dennoch wäre sicherlich ein freundlicheres Szenario denkbar gewesen, in dem die Geschichte trotzdem funktioniert hätte und die Informationen hätten vermittelt werden können.

Fazit: Eine spannende Geschichte über ein tolles Mädchen, das ein verhaltensgestörtes Pony zurück zu einem zufriedenen Dasein bringt, gespickt mit vielen lehrreichen Informationen zum Umgang und der Kommunikation mit Pferden. Dennoch bin ich zwiegespalten, weil ich die Ausgangsvoraussetzungen schrecklich finde und fürchte, dass die Übungen, die als leicht dargestellt werden, die Zuhörer*innen in der Praxis überfordern würden oder sogar gefährlich für sie werden könnten.

Julie Zeh: Socke und Sophie. Pferdesprache leicht gemacht. Ungekürzte Lesung. Argon 2021. 1 CD (MP3), 3 Stunden, 53 Minuten, Euro 16,95, ISBN 978-3-8398-4250-8.

Sprecher*innen: Uve Teschner, Valentina Bonalana, Tanja Fornaro.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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