Heike Abidi: Bevor wir alles verlieren (Rezension)

Plötzlich ist alles anders

Victoria hat vor allem eins im Kopf: Hochsprung. Sie ist talentiert, trainiert hart und träumt davon, eines Tages bei den olympischen Spielen dabeizusein. Im kommenden Jahr steht das Abi an, in Mathe hat sie Nachhilfe bei Theo, einem Nerd aus ihrer Schule, sonst läuft es. Ihre Wochenenden verbringt sie gerne tanzend mit ihrer Clique in irgendwelchen Clubs.

Doch dann stürzt sie plötzlich während eines Wettkampfes beim Anlauf. Irgendwie ist sie über ihre eigenen Füße gestolpert, obwohl ihr der Bewegungsablauf seit Jahren in Fleisch und Blut übergegangen ist. Mit Verdacht auf einen Bruch und eine Gehirnerschütterung kommt sie ins Krankenhaus. Beides bestätigt sich nicht, doch es kommt schlimmer: Sie hat einen Hirntumor. Das erklärt auch ihre Gedächtnislücken und sprachlichen Aussetzer der letzten Zeit. Victoria wird vor eine schwere Entscheidung gestellt: eine lebensgefährliche OP oder eine sehr geringe Lebenserwartung.

Mit Theo, der sich als echter Freund erweist, bricht Victoria zu einer einwöchigen Reise auf. Sie will noch einmal etwas erleben, ein paar Dinge klären und sich vielleicht am Ziel einen Kuss von ihrem Traummann abholen.

Als wäre es der letzte Tag …

Victoria ist keine durch und durch sympathische Heldin. Sie ist oft zickig und sagt manchmal fiese Sachen und man weiß nicht recht, ob das dem Tumor geschuldet ist, der überaus belastenden Situation oder ob das einfach ihre Art ist. Die Achtzehnjährige ist erst einmal überfordert damit, dass ihr Leben von einer Minute auf die andere auf den Kopf gestellt wurde. Sie denkt viel über sich, ihr Leben und ihre Wünsche nach. Vor allem ihre Beziehungen lässt sie Revue passieren. Ihre Clubfreunde fragen nicht einmal nach, wie es ihr geht. Das Verhältnis zu ihrem alleinerziehenden Vater ist vielleicht doch gar nicht so distanziert. Den Kontakt zu ihrer Mutter, die die Familie verlassen hat, verweigert sie stur. Oder sollte sie vielleicht doch …? Und was ist eigentlich mit Theo, der ihr eigentlich nur Nachhilfe gibt, aber sofort alles stehen und liegen lässt, um ihr zu helfen? Sie hat sehr viel, über das sie nachdenken muss – wenn der blöde Tumor sie überhaupt denken lässt.

Theo wirkt zunächst ein wenig treuherzig, wie er jederzeit hilft und zurücksteckt und, ohne sich zu wehren, immer wieder heftige verbale Attacken einsteckt. Mit seiner logischen Denkweise hilft er Victoria immer wieder auf den Boden, wenn sie emotional abzugleiten droht. Es stellt sich heraus, dass seine Dickfelligkeit gute Gründe hat und dass auch er von der Reise profitiert und daran wächst.

Gerade weil die beiden ihre Ecken und Kanten haben, sind sie so glaubwürdig in ihren Handlungen. Natürlich kann man nicht vorhersehen, wie jemand reagieren wird, der eine schreckliche Diagnose erhält, aber auch wenn mir nicht alle von Victorias Entscheidungen gefallen, nachvollziehen konnte ich sie. Und Theo ist einfach ein toller Typ!

Der Weg ist das Ziel

Victoria und Theo haben ein Ziel und eine Woche Zeit, um dorthin zu gelangen. Wie sie die Tage füllen, bleibt ihnen weitgehend überlassen. Das gibt ihnen viel Freiraum für Spontanität. Die beiden machen verrückte Dinge – oder besser, Dinge, die einer der beiden verrückt findet, weil sie sich auf einen Deal miteinander eingelassen haben. Dabei erfahren beide mehr über sich selbst. Victoria ist nicht über jede Erkenntnis glücklich und muss erst einmal nachdenken, wie sie damit umgehen will.

Was den beiden unterwegs alles passiert, ist oft lustig zu lesen. Das gefällt mir an dem Buch sehr gut. Obwohl es natürlich sehr viele nachdenklich und traurige Momente gibt, ist es sehr humorvoll geschrieben. Das ermöglicht sowohl Victoria und Theo als auch den Leser:innen dringend benötigte Atempausen.

Victorias Geschichte wird niemanden kaltlassen. Sie hat mich stellenweise mitgenommen, ein paar Tränen sind geflossen, aber ich habe auch gelacht und mich mit Victoria und Theo gefreut. Die beiden sind mir mit ihren Ecken und Kanten ans Herz gewachsen.

Fazit: Eine berührende, nachdenkliche, traurige und gleichzeitig lustige Geschichte, die die Leser:innen ab 16 Jahren auf einen etwas verrückten Roadtrip mitnimmt, der vielleicht die letzte Reise einer Achtzehnjährigen sein wird.

Heike Abidi: bevor wir alles verlieren. Moon Notes 2021. 304 Seiten, Euro 15,00, ISBN 978-3-96976-022-2

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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