Juliane Breinl: Mein Mauerfall. Von der Teilung Deutschlands bis heute

Von der Mauer im Garten zur Berliner Mauer

Theo, 12, aus München, ist genervt vom der kleinen Mauer, die den Garten der Familie von dem der Nachbarn trennt. Dadurch kommt er auf die Frage, wie es wohl für die Kinder und Jugendlichen damals war, als Deutschland von einer Mauer getrennt wurde. Ihren 50. Geburtstag will seine Mutter Kathrin zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Jana dort feiern, wo sie aufgewachsen sind: im Eichsfeld in der früheren DDR. Die ganze Familie kommt dort für einige Tage zusammen. Theos Fragen sorgen für Zündstoff. Sein Opa beispielsweise ist heute noch ein Anhänger der DDR, seine Oma hasste diesen Staat. Es kommt zu vielen Diskussionen, die die unterschiedlichen Meinungen zu vielen Themen deutlich machen.

Moderne Informationsquelle

Zwischendurch schaut Theo sich immer sogenannte Histeo-Videos auf YouTube an, um über Daten, Fakten, Abläufe und Hintergründe informiert zu werden. Die Familienerlebnisse und Histeo-Erläuterungen werden durch viele Infoboxen ergänzt, die oft wie Ausrisse aus einem Block gestaltet sind. Außerdem gibt es viele Berichte von Zeitzeugen, häufig Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, aber auch einige Bundesbürger. Überhaupt, die Bundesrepublik: Recht häufig wird der Blick auch vergleichend auf sie gerichtet und beispielsweise die Friedenbewegungen in beiden Ländern nebeneinandergestellt.

Von der Teilung bis zur Einheit – und darüber hinaus

Das Buch beginnt mit der Teilung Deutschlands, geht aber zur Erklärung bis zu Naziherrschaft und Zweitem Weltkrieg zurück. Es behandelt sehr umfassend die Entwicklung der DDR. Nicht nur Mauerbau und Mauerfall werden beleuchtet, sondern auch die Zahlen der Übersiedler in die Bundesrepublik oder der Mauertoten, das Schulsystem, Pioniere und FDJ. Über eingeschränkte Einkaufs- und Reisemöglichkeiten wird ebenso berichtet wie über Westpäckchen und Zwangsumtausch, Musik, Arbeit und Kinderbetreuung, Stasi und Überwachung. Natürlich erzählt das Buch auch vom Ende der DDR: Gorbatschow, Friedensgebete, Demonstrationen, Flucht über Ungarn, die Wende und die ersten freie Wahlen. Schließlich die Einführung der D-Mark, die Wiedervereinigung und die Folgen wie Abwicklung vieler Betriebe durch die Treuhand, darauf folgend Arbeitslosigkeit. Auch die Einführung des Euro, die EU, Rechtsextremismus, Pegida und Lichterketten werden angesprochen.

Es endet mit Theos Erfolg: Sein Nachbar stimmt zu, die Mauer zwischen den Grundstücken einzureißen.

Ansichtssachen: Es war nicht alles schlecht! Oder doch?

Puh! Welch eine Vielfalt an Informationen dieses Buch enthält! Dank der Diskussionen in Theos Familie wird die DDR hier nicht einseitig dargestellt, sondern es wird deutlich, dass die Bürger ihren Staat ganz unterschiedlich erlebt haben. Was der eine schlecht fand, war für den anderen normal. Was einer toll fand, war für den nächsten schrecklich.

Ich könnte mir vorstellen, dass es für die Leserinnen und Leser erst einmal schwierig ist, diese Vielfalt zu erfassen und einzuordnen. Genau dadurch werden sie aber in die Lage versetzt, sich selber eine Meinung zu bilden. Sie lernen, dass es in manchen Punkten nicht so einfach ist, ein Urteil zu fällen, während sie an anderen Stellen über manche Aussage vermutlich nur den Kopf schütteln werden.

Da die Argumente in Theos Familie nur so hin- und herfliegen, ist es gut, dass die Histeos und die Infokästen die vieles geordnet und meist auch sachlicher aufbereiten. Ansonsten wäre es manchmal schwierig zu verstehen, wovon die Rede ist.

Sehr gut gefallen mir auch die Zeitzeugenberichte zu ganz unterschiedlichen Aspekten. Beispielsweise berichtet jemand, dessen Familie einen Ausreiseantrag gestellt hat, als er noch ein Kind war. Jemand anderes erzählt, wie es war, in einem Dorf zu leben, das auf drei Seiten von der Grenze eingeschlossen war. Wir erfahren aber auch, wie es für jemanden aus der Bundesrepublik war, zu Besuch in die DDR zu fahren. Diese vielen Einblicke machen das Buch sehr persönlich.

Gute Mischung: Rahmenhandlung, O-Töne, Infokästchen

Ich finde die Mischung aus Rahmenhandlung, Informationen, Augenzeugenberichten und vielen Fotos und einigen Grafiken sehr gelungen. Sie sorgt dafür, dass das Buch lebendig und nicht langweilig ist. Auch sind immer wieder Themen eingeflochten, die nicht hochernst-politisch sind, sondern Kinder vielleicht interessieren wie Kosmonauten-Astronauten, Musikgeschmack oder die Fußball-Nationalmannschft(en) – und DDR-Witze, die erklärt werden, weil Theo sie nicht versteht.

Anspruchsvoll, aber umfassend

Allerdings finde ich das Buch doch recht anspruchsvoll, sowohl was die Textmenge als auch was die Sprache betrifft. Die Bilder hätten für meinen Geschmack oft größer sein können, auch um der Textlastigkeit des Buches ein wenig entgegenzuwirken. Ob Kinder ab 10 Jahren es wirklich schaffen, das alleine von vorne bis hintern durchzulesen? Das kann ich mir kaum vorstellen. Das klappt vermutlich eher zusammen mit den Eltern, die dann auch noch ein wenig über ihre eigenen Erfahrungen und ihr Erleben der Ereignisse berichten könnte, egal ob sie aus der DDR oder aus der Bundesrepublik stammen. Auch zur Information über bestimmte Themen, die gerade interessieren, ist es gut geeignet.

Eine Rezensentin bei Amazon bemängelt, dass der eigentliche Mauerfall sehr knapp abgehandelt wird. Daraufhin habe ich noch einmal in das Buch geschaut und finde, sie hat recht. Schabowskis Aussage, eine persönliche Erinnerung von jemandem, der an diesem Abend gar nicht mitbekommen hat, dass die Grenze geöffnet wurde. Keine Bilder von den Menschen auf der Mauer (doch, auf dem Titel) oder den Feiernden an den Grenzübergängen, die im kollektiven Gedächtnis von uns Erwachsenen so eine wichtige Rolle spielen. Nur ein Bild von der Mauer mit einem großen Loch darin. Das ist tatsächlich ein wenig schade. Auch die Prager Botschaft kommt beispielsweise nicht vor. Über diese aufregenden Monate hätte gerne – auch angesichts des Titels – etwas ausführlicher berichtet werden können.

Das ist aber Jammern auf hohem Niveau! Insgesamt finde ich das Buch sehr gelungen und finde es toll, dass es so viele verschiedene Aspekte aufgreift und so viele Perspektiven zulässt.

Fazit: Sehr umfassende Darstellung der Geschichte der DDR auch mit einigen Bezügen auf gleichzeitige Entwicklungen und Ereignisse in der Bundesrepublik. Besonders hervorzuheben ist die Vielfalt der Blickwinkel, die dafür sorgt, dass die Darstellung kein bisschen einseitig ist. Für Kinder ab 10 Jahren vermutlich alleine noch etwas anspruchsvoll, evtl. besser ab 12.

Juliane Breinl: Mein Mauerfall. Von der Teilung Deutschlands bis heute. ars edition 2019. 144 Seiten, 14 Euro, ISBN 978-3-8458-3191-6.

Ich habe schon andere Bücher über das Leben in der DDR, den Mauerfall und die Wende besprochen – sie sind hier aufgelistet.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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