Rezension. Dirk Reinhardt: Über die Berge und über das Meer

Ein Mädchen aus Afghanistan …

Obwohl Soraya und Tarek beide in Afghanistan aufgewachsen sind, könnten ihre Welten nicht unterschiedlicher sein.

Soraya lebt in einem kleinen Bergdorf. Da sie die siebte Tochter war, wurde entschieden, sie als Junge aufwachsen zu lassen. Das dient zum einen dazu, ihren Eltern Schande zu ersparen, zum anderen hilft es bei der Organisation des Alltags. Ihre Schwestern dürfen nur in männlicher Begleitung das Haus verlassen, um zum Beispiel am Brunnen Wasser zu holen. Soraya, Samir genannt, weiß genau, welche Vorteile ihr das gebracht hat: Sie durfte die Schule besuchen, mit den anderen Jungen draußen herumtoben, Drachen steigen lassen, spielen, während ihre Schwestern fast nie das Haus verlassen durften. Nun naht die Zeit, wo sie wieder als Mädchen leben müsste. Doch ihr Vater zögert zu lange, sodass die Familie ins Visier der Taliban gerät. Soraya bleibt nur die Flucht zu einem Verwandten in die Türkei.

… und ein Junge

Tarek ist Angehöriger der Kuchi, eines Nomadenvolkes, das frei durch die Berge Afghanistans zieht. Tareks Aufgabe ist es, verlorengegangene Schafe wiederaufzuspüren. Dadurch entwickelt er sich zu einem hervorragenden Spurenleser. So jemanden könnten die Taliban gut brauchen. Doch sein Tareks Vater will keinesfalls, dass sein Sohn diesen Männern in die Hände fällt. Deswegen schickt er ihn auf den weiten Weg zu einem Onkel nach Deutschland.

Die beiden, die sich jedes Jahr getroffen haben, wenn Tareks Familie zum Handeln ins Dorf kam, sind auf ähnlichen Wegen unterwegs. Sie sind Schleppern ausgeliefert und haben unterwegs viele Gefahren zu meistern. Nicht alles geht reibungslos ab. Sie fliehen zunächst in den Iran und müssen dann den gefährlichen Weg über die Berge in die Türkei schaffen. Und zumindest für Tarek ist das noch lange nicht das Ziel …

Gefährliche Flucht

Zunächst wird das Leben der beiden Jugendlichen in Afghanistan so geschildert, dass man ihre Lebensumstände und die Fluchtgründe gut verstehen und nachvollziehen kann. Diesen Part fand ich sehr interessant zu lesen, weil er deutlich macht, wie unterschiedlich die afghanischen Völker leben. Da der Alltag der beiden keineswegs langweilig ist und es etwas gibt, worauf beide hinarbeiten, sind die Leser*innen gleich in einer spannenden Geschichte gefangen, schon bevor der abenteuerliche Teil, die Flucht, beginnt.

Die vielen Gefahren der Flucht sind glaubwürdig und realistisch geschildert, wobei es bei Grausamkeiten und Brutalitäten nicht so sehr ins Detail geht, dass die Leser damit überfordert würden und ich es unangemessen fände. Natürlich ist es keine leichte Lektüre, solch eine Flucht ist nun einmal risikoreich und gefährlich. Dem Eindruck, der manchmal in Deutschland vermittelt wird, dass die Geflüchteten aus banalen Gründen kommen, wird hier eine Schilderung entgegengesetzt, die deutlich macht, dass das nicht so ist. Beide sind fast noch Kinder, waren noch nie von ihren Familien getrennt, kennen nur das Leben der Nomaden oder des kleinen Dorfs, haben oft Angst und sind teilweise einfach überfordert. Zudem glaubt Sorayas Vater, dass es sicherer ist, wenn seine Tochter als Mädchen reist, was es nicht leichter macht.

Durch ein Mädchen, das Soraya in der Türkei kennenlernt, erfahren wir auch noch ein wenig über das Schicksal der syrischen Flüchtlinge.

Zu Fuß, auf Lkws oder mit dem Boot

… jedes Fortbewegungsmittel birgt andere Risiken.

Die Kapitel über Soraya und Tarek wechseln sich ab, sodass wir Leser*innen immer wissen, was beim jeweils anderen gerade los ist, während die beiden nicht einmal wissen, dass sie beide gen Westen unterwegs sind.

Der Text lässt sich gut lesen, er ist gut recheriert, realistisch und glaubwürdig. Manche Abschnitte der Reise waren mir zwar etwas zu knapp geschildert, aber das Buch ist schon dick genug für ein Jugendbuch, sodass klar ist, dass nicht alles im Detail geschildert werden kann. Ich denke, das Buch kann dazu beitragen, dass Jugendliche besser verstehen, was geflüchtete Gleichaltrige erlebt und durchgemacht haben.

Fazit: Spannende Einblicke in das afghanische Alltagsleben und die realistisch geschilderte gefahrvolle Flucht zweier Jugendliche sorgen dafür, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Für Kinder ab 13 Jahren eine gute Möglichkeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Dirk Reinhardt: Über die Berge und über das Meer. Gerstenberg 2019. 318 Seiten, Euro 14,95, ISBN 978-3-8369-5676-5.

Ich werde versuchen, alle Bücher zu besprechen, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert sind. Auf einer Übersichtsseite sammele ich Links zu allen Rezensionen.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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