Rezension: Tom Beld, Carolin Helm, Alexandra Helm: Kleiner Löwe, großer Mut

Drei Beine? Na und!

Nach einer unglücklichen Begegnung mit einem Korokodil hat der kleine Löwe Tobe nur noch drei Beine. Wir lernen ihn kennen, als es ihm wieder gut geht und er richtig viel Lust hat, herumzutoben und all die Dinge zu tun, die ihm Spaß machen. Er hat so viel vor!

Doch dann merkt er, dass seine Freunde komisch sind. Sie machen einfach nicht mit. Warum das denn? Sie wollen ihn schonen, sagen sie. Sie machen sich Sorgen, ob er manche Dinge überhaupt noch kann. Aber Tobe will überhaupt nicht geschont werden! Immer muss er die anderen erst überzeugen, z. B. mit ihm zu brüllen, um die Wette zu laufen und Wasserbomben zu machen.

„Eine Freude machst du mir, wenn du mich wie immer behandelst. Nur durch starke Gegner wird man stärker. Ich bin ein Löwe, also mess ich meine Kräfte.“

Schließlich ist Tobe so genervt von dem Verhalten der anderen, dass er eine ganz schwierige Aufgabe bewältigen will. Seine Eltern haben nichts dagegen, denn sie denken, dass jeder alles schaffen kann, was er will. Aber dennoch raten sie ihm, seinen besten Freund mitzunehmen, denn:

„Jeder braucht mal Hilfe.“

Am nächsten Morgen macht er sich mit Büffel, seinem Freund, auf den Weg. Ob er es wirklich schaffen kann, den großen Berg zu besteigen?

Ungewohnte Behandlung

Nachdem der kleine Löwe wieder gesund ist, will er wieder alles machen, was er früher gemacht hat. Und tatsächlich spricht nichts dagegen. Er kann nach wie vor büllen, rennen, schwimmen und kämpfen. Doch alle behandeln ihn super rücksichtsvoll und wollen ihn schonen. Das nervt den kleinen Lösen, doch er zeigt nach und nach allen, dass sie ihn behandeln können wie früher. Die anderen sind dann immer sehr erleichtert.

Schließlich will der kleine Löwe sich und allen anderen beweisen, was er alles schaffen kann. Doch ob er sich da das Ziel nicht zu hoch gesteckt hat?

Diese Geschichte macht auf zwei Punkte aufmerksam. Tobes Freunde mögen ihn natürlich nach wie vor gerne, aber sie wissen nicht so recht, wie sie nach seinem Unfall mit ihm umgehen sollen. Sie sind unsicher und wollen ihn nicht spüren lassen, dass er jetzt nicht mehr alles mitmachen kann. Dabei kann er mitmachen! Und selbst wenn er manches nicht mehr so gut wie früher könnte, wäre es kein Grund, ihn nicht mitmachen zu lassen. Doch da sie noch nie in solch einer Situation waren, müssen sie das erst lernen. Es ist gut, dass Tobe sich nicht traurig zurückzieht, sondern eine Kämpfernatur ist. Er zeigt seinen Freunden einfach, was noch geht.

Der zweite Punkt ist, dass Tobe auch selbst noch nicht so genau weiß, was er jetzt noch alles schaffen kann. Er setzt sich ein schwieriges Ziel. Seine Eltern sind sehr unterstützend. Sie machen ihm Mut und sagen ihm, dass er alles schaffen kann. Aber, und diese Botschaft finde ich besonders wichtig: Es ist nicht schlimm, wenn man nicht alles alleine schafft. Jeder braucht mal Hilfe, auch ein vierbeiniger Löwe. Er muss nicht stärker als alle anderen sein, sondern darf Hilfe einfordern und annehmen, wenn es nötig ist.

Wertschätzender Umgang

Tobe ist ein toller Kerl. Obwohl er etwas Schlimmes erlebt hat, ist er fest entschlossen, sein früheres Leben wieder aufzunehmen. Er ist sehr positiv und lässt sich von den Reaktionen der anderen nicht herunterziehen, sondern arbeitet hart, um ihnen zu beweisen, dass er noch ganz der Alte ist. Trotzdem, und das macht ihn so glaubwürdig, ist er nach einem anstrengenden Tag voller Verletzungen traurig und ein bisschen verzweifelt. Doch dann kommen seine Energie und sein Wille wieder durch.

Sein Vater ist sehr wertschätzend und unterstützend und es tut gut, seine Worte zu hören. Er könnte seinen Sohn ja auch verhätscheln, ihm alles abnehmen und ihn entmutigen, indem er ihm sagt, dass er das alles nun nicht mehr kann, dass er auf sich aufpassen muss usw. Doch er macht ihm Mut und gibt ihm Kraft. Toll!

Die Freunde finde ich richtig gut dargestellt, obwohl sie den kleinen Löwen so nerven. Aber ihre Verunsicherung, ihre Vorsicht und ihr Wunsch, irgendwie helfen zu wollen, sind sehr lebensnah.

Wichtige Botschaft

Dieses Bilderbuch hat eine wichtige Botschaft oder eigentlich sogar zwei. Aber das Schöne daran ist, dass das nicht mit erhobenem Zeigefinger vermittelt wird, finde ich. Tobe macht seine Erfahrungen, die kleinen Zuhörer*innen erleben mit, was geschieht und wie er sich dabei fühlt. Sie können nachvollziehen, warum die Freunde sich so unsicher verhalten. Dennoch verstehen sie sehr gut, dass Tobe wieder alles machen will wie früher. Und welches Kind, ob gesund oder krank, mit oder ohne Handicap kennt nicht den Wunsch, irgendein großes Ziel zu erreichen. Also fiebern sie mit Tobe mit und freuen sich mit ihm.

Wie geht man mit einem Freund um, der einen Umfall hatte oder krank ist? Vielleicht kann man nicht alles mit ihm unternehmen, was man früher gemacht hat. Vielleicht muss man Rücksicht nehmen, klar. Aber die Geschichte zeigt sehr gut, das man diesen Freund bei seinen Unternehmungen unterstützen und nicht aus lauter Sorge ausbremsen sollte. Deswegen ist das Buch sehr gut für Kinder geeignet, die jemanden kennen, der in einer vergleichbaren Situation wie Tobe ist.

Aber auch für Kinder mit einem Handicap, die nicht nur mit ihrer Krankheit oder Behinderung hadern, sondern auch mit den Reaktionen ihrer Umwelt, ist es ein tolles Buch. Es kann ihnen Mut machen, dass ihre Freunde wieder lernen, sie „normal“ zu behandeln und dass sie trotz aller Schwierigkeiten auch schwere Herausforderungen meistern können. Auch den Punkt, dass es okay ist, Hilfe anzunehmen, finde ich sehr wichtig. Ich kann mir nämlich vorstellen, dass es für Kinder mit Handicap sehr wichtig ist, ihre Selbstständigkeit zurückzugewinnen bzw. zu beweisen und sie deswegen übersehen, dass jede/r mal ein eine Situation geraten kann, wo er oder sie auf Hilfe angewiesen ist.

Gut zugänglich

Die Sprache ist gut verständlich. Viel wörtliche Rede macht das Geschehen lebendig. Die Bilder wirken dynamisch und sind ansprechend, bunt und freundlich, aber zum Glück kein bisschen kitschig. Oft gibt es liebevolle Details zu entdecken wie die Brillen der Vögel oder die Familienbilder, die bei Löwes an einem Baum hängen.

Eigene Erfahrungen

Man merkt diesem Buch an, dass es von jemandem geschrieben wurde, der sich mit der Materie auskennt. Tom Belz hat selber ein Bein verloren und weiß daher genau, welche Reaktionen der Umwelt zu erwarten sind und wie man sich dabei fühlt. Und: Er hat sich einen Traum erfüllt und 2018 den Kilimandscharo bestiegen. Das macht das Buch sehr authentisch.

Fazit: Ein wichtiges Bilderbuch für Kinder ab 5 Jahren, das zeigt, dass ein Freund auch mit Handicap vieles mitmachen kann, dass jede/r versuchen kann, hohe Ziele zu erreichen und dass nichts Schlimmes daran ist, Hilfe anzunehmen.

Tom Belz, Carolin Helm, Alexandra Helm: Kleiner Löwe, großer Mut. ars edition 2020. 32 Seiten, Euro 15,00, ISBN 978-3845837598.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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