Rezension: Stefanie de Velasco: Kein Teil der Welt

Die Welt der Zeugen Jehovas

Esthers Familie gehört den Zeugen Jehovas an. Sie wächst in vielem ganz anders auf als die anderen Kinder ihrer Umgebung, mit denen sie wenig Kontakt hat. Doch das macht ihr wenig aus. Sie ist in den Glaubensgrundsätzen ihrer Gemeinschaft fest verwurzelt und hat keine Zweifel daran, dass sie das richtige Leben führt, während all die anderen auf einem Irrweg sind. Von klein auf hat sie eine Freundin, Sulamith, mit der sie sehr viel Zeit verbringt. Die Mädchen haben viel Spaß miteinander.

Doch je älter Sulamith wird, desto mehr beginnt sie zu zweifeln. Sie stellt manches infrage, sie stellt unliebsame Fragen, sie rebelliert. Die bravere Esther will ihre Freundschaft nicht aufgeben, aber auch nicht gegen die Regeln verstoßen. Das bringt sie immer wieder in Schwierigkeiten.

„Das ist nicht lustig“, flüsterte ich. „Wenn das herauskommt, kriegst du keinen Hirtenbesuch, sondern gleich ein Rechtskomitee. Warum hast du mir nichts gesagt?“
„Ich wollte dich nicht mit reinziehen. Du musstest wegen mir schon genug ertragen in den letzten Monaten.“

Nach der Wende ergreifen Esthers Eltern die Gelegenheit, in die ostdeutsche Stadt zurückzukehren, aus der Esthers Vater vor vielen Jahren geflohen ist. Dort, wo es nur wenige Zeugen Jehovas gibt, wollen sie einen neuen Königreichssaal aufbauen und missionieren.

Esther, die von einem Tag auf den anderen aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen wurde, erzählt im Rückblick ihre und damit auch Sulamiths Geschichte, abwechselnd mit den aktuellen Ereignissen an ihrem neuen Wohnort.

Einblicke in eine fremde Welt

Obwohl die Zeugen Jehovas mitten unter uns überall in Deutschland leben, hatte ich bisher kaum Kontakte (mal abgesehen vom gelegentlichen Besuch an der Haustür – und während Corona haben sie als Ersatz einen Brief eingeworfen). Ich habe bei der Lektüre festgestellt, dass ich wenig über ihren Glauben und ihr Leben wusste.

Für Esther ist das alles ganz normal. Sie ist in diesen Glauben hineingeboren und nimmt die vielen Regeln klaglos hin. Wenn sie in der Schule Broschüren verteilen und der Lehrerin widersprechen muss, weil zum Beispiel Evolution auf dem Lehrplan steht, ist sie nicht begeistert, macht es aber. Sie wird gut für solche Situationen geschult, ihre Mutter übt immer wieder mit ihr, was sie dann sagen soll. Sie erlebt aber auch viele schöne Momente der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen.

Sulamith kam als kleines Kind zu den Zeugen Jehovas, nachdem Esthers Eltern ihre alleinstehende Mutter sehr unterstützt haben. Auch sie ist perfekt darin, die Glaubenssätze aufzusagen oder mit dem Wachturm vor dem Kaufhaus zu stehen. Doch Sulamith nimmt nicht alles als gegeben hin. Sie zweifelt, prüft Dinge nach, stellt Fragen und notiert viel in einer Art Tagebuch, das immer zwischen den Mädchen hin- und herwandert. Dennoch kommt sie zunächst gar nicht auf die Idee, die Glaubensgemeinschaft zu verlassen. Doch dann kommt es zu mehreren Zwischenfällen, bei denen ihr Dinge verboten werden, die ihr wichtig sind. Ihr Frust und ihre Zweifel nehmen zu.

Esther will Sulamith nicht verlieren, aber eigentlich auch keine Regeln brechen. Das bringt sie in einen Gewissenskonflikt. Doch nachdem ihre Eltern mit ihr über Nacht in den Osten gezogen sind, wo sie sich verlassen fühlt, beginnt auch Esther zu fragen. Was ist mit Sulamith geschehen und welche Geheimnisse gibt es in der Familiengeschichte ihres Vaters?

Erwachsenwerden unter ungewöhnlichen Vorzeichen

Es ist normal, dass Jugendliche anfangen, die Welt um sich herum zu hinterfragen. Insofern ist Sulamith kein bisschen ungewöhnlich. Das Problem ist, dass die sehr strengen Regeln der Zeugen Jehovas eine normale Entwicklung nicht zulassen, was bei den Mädchen zu mehr oder weniger rebellischen Reaktionen führt.

Die Geschichte, die kurz nach der Wende in Ostdeutschland beginnt, wird aus Esthers Sicht erzählt. Wir blicken tief in ihr Inneres und fühlen und leiden mit ihr. Ich finde sie und ihre Gefühls- und Gedankenwelt sehr glaubwürdig geschildert. Dazu trägt auch die flüssige Sprache mit den realistischen Dialogen bei.

Die Handlung ist sehr spannend. Die Kapitel spielen abwechselnd in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Esther ist vor wenigen Tagen in in der ehemaligen DDR angekommen, muss in die neue Schule gehen, lernt neue Leute kennen und erlebt den Aufbau der neuen Gemeinde mit. Sie ist todunglücklich, vor allem, weil sie nicht genau weiß, was mit Sulamith geschehen ist und sie so sehr vermisst. Und so erfahren wir nach und nach, wie die Kindheit der beiden verlief, wir wissen, dass etwas geschehen sein muss. Über allem schwebt ständig eine dunkle Wolke, aber wir erfahren erst spät, worauf das alles hinausläuft.

Unbekannter Glauben

Wider Erwarten fand ich auch die Schilderung des Glaubenslebens sehr interessant und ich habe viel Neues erfahren. Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass die Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus verfolgt wurden, obwohl ich es logisch fand, als ich darüber nachdachte. Manchmal werden in KZ-Dokumenten „Bibelforscher“ erwähnt, ich wusste nicht, dass damit Zeugen Jehovas gemeint sind. Darüber wird ein wenig berichtet, als es um Esthers Großmutter geht. Aber auch, dass keine Geburtstage, Weihnachten und andere Feste gefeiert werden, wie Harmagedon abläuft, wie Treffen und Schulungen ablaufen und der Alltag aussieht, war mir unbekannt.

Zwischen den Kapiteln gibt es immer wieder kursiv gesetzte Passagen, in denen es um Salz geht. Ich habe sie, muss ich gestehen, nicht verstanden und am Ende auch nur noch überflogen. Vielleicht käme ich hinter ihren Sinn, wenn ich das Buch ein zweites Mal lesen würde.

Autobiografischer Hintergrund

Es ist nicht überraschend, dass die Autorin selbst bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen ist. Vermutlich wäre eine derart authentische Schilderung des Alltagslebens sonst nur schwer möglich gewesen. Dennoch handelt es sich nicht um eine Autobiografie, sondern Stefanie de Velasco hat es vorgezogen, einen Roman zu schreiben, in dem es ihr gelingt, die Ereignisse zu verdichten und die Leser*innen zu fesseln.

Das Buch ist in der Kategorie Jugendbuch für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Fazit: Ein hervorragender, bewegender und aufrüttelnder Roman, der vermittelt, wie eine Kindheit bei den Zeugen Jehovas verläuft und wie ihr Alltag aussieht. Auch nach Abschluss der Lektüre muss ich immer wieder an das Buch denken, es wirkt eindeutig nach. Für Jugendliche ab 16 Jahren und Erwachsene.

Stefanie de Velasco: Kein Teil der Welt. Kiepenheuer & Witsch 2019. 432 Seiten, Euro 22,00, ISBN 978-3-462-05043-1.

Ich werde versuchen, alle Bücher zu besprechen, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert sind. Auf einer Übersichtsseite sammele ich Links zu allen Rezensionen.

__________________________________________________

WERBUNG (*)

Zur Verlagsseite – bei Amazon – im Onlineshop eurer Buchhandlung – und in eurer Lieblingsbuchhandlung.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

(*) Nach dem Telemediengesetz sind Links auf Verlage, Shops und Affiliate-Links (hier: Amazon) als Werbung zu kennzeichnen, übrigens ganz unabhängig davon, ob das Buch ein Rezensionsexemplar ist oder selbst gekauft wurde. Ich bekomme kein Geld von den Verlagen, sie stellen mir lediglich ein Buch zur Verfügung. Das verpflichtet mich zu nichts, ich schreibe auch kritische Rezensionen oder verzichte ganz darauf, ein Buch zu besprechen. Meine Meinung ist nach wie vor unabhängig. Die Links sind ein Service für euch Blogbesucher, auf den ich nicht verzichten möchte. Lediglich über den Amazon-Affiliate-Link verdiene ich etwas Geld – falls jemand etwas bestellt, nachdem er den Link benutzt hat, bekomme ich ein paar Cent.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.