Nicole Rensmann: Gewebewelten (Rezension)

Gefangen in einer unwirtlichen Welt

Timo, Lisa, Tobias, René und Jana könnten unterschiedlicher nicht sein. Gemeinsam haben die Jugendlichen nur, dass sie dasselbe Internat besuchen und gemeinsam zu einer Strafarbeit verdonnert wurden. Beim Aufräumen des Archivs finden sie einen alten Teppich, der, wie sich herausstellt, große Geheimnisse in sich verbirgt.

Die fünf geraten in eine Welt, in der ihr Leben immer wieder in Gefahr ist. Sie müssten zusammenhalten, aber die Tatsache, dass sie sich nicht leiden können, ist nicht gerade hilfreich. Schließlich lernen sie den merkwürdigen Mysterkilus Secritunum kennen, einen alten Mann mit einer äußert merkwürdigen Geschichte. Doch immerhin, er verspricht den fünf, ihnen den Weg zurück zu zeigen und dabei sein eigenes Leben zu retten, das die Jugendlichen unabsichtlich gefährdet haben.

Doch es stellt sich heraus, dass das ein weiteres gefährliches Abenteuer vor ihnen liegt, bei dem sie sich immer wieder selbst im Weg stehen.

Fünf Feinde

Statt fünf Freunden sind hier einmal fünf Feinde unterwegs. Nun ja, nicht alle sind sich spinnefeind, manche kennen sich nicht weiter, aber die meisten finden sich unsympathisch.

Timo ist ein total arroganter Kerl. Im Laufe des Abenteuers stellt er fest, dass er die unscheinbare Jana mag. Aber kann er das zugeben? Und was macht er mit Lisa, einer Oberzicke und seiner Ex, die dennoch wie eine Klette an ihm hängt? Zusammen geben sie in ihrer Clique den Ton an, jemand wie Jana passt da nicht rein.

Lisa will zum einen Timo nicht verlieren, zum anderen macht sie am meisten den Eindruck, in der unwirtlichen Welt, in die es sie verschlagen hat, nicht bestehen zu können. Sie hasst Jana, weil sie sie als Rivalin empfindet.

Tobias isst immerzu Süßigkeiten und geht den anderen allein deswegen auf die Nerven.

René ist blind, was das Abenteuer für ihn besonders schwierig macht. Seine ausgleichende und gelassene Art hilft ihnen dennoch sehr weiter.

Jana ist die eigentliche Heldin der Geschichte. Sie hat Diabetes, was sie mehrfach in Gefahr bringt. Doch sie ist entschlossen und tatkräftig. Sie ist die Sympathieträgerin in der Geschichte und macht von allen die größte Entwicklung durch.

Alles fünf sind glaubhaft geschildert, wenn auch nicht unbedingt sympathisch. Sie alle müssen sich weiterentwickeln, um in dieser merkwürdigen Welt bestehen zu können. Bei einigen stellt sich heraus, dass sie nur eine Fassade zeigen, um frühere Verletzungen zu verbergen.

Mysterkilus ist ein merkwürdiger Mensch. Erst nach und nach bekommen die Jugendlichen heraus, welche Geschichte hinter dem alten Mann steht und woraus seine Welt wirklich besteht.

Fantasiegewebe

Was ist in dieser Welt wahr, was ist Fantasie? Woher kommen all die Gefahren, die die Jugendlichen zu meistern haben? Es ist eine beklemmende, unwirkliche Welt, die einem Albtraum entsprungen zu sein scheint. Als Leserin wusste ich lange nicht, was ich davon halten sollte. Natürlich war es mir schnell klar, wie und warum die fünf Jugendlichen in diese Welt geraten sind, aber wie sie funktioniert? Dort passieren sehr merkwürdige Dinge, aber warum?

Die Jugendlichen müssen sich zusammenraufen. Für sie ist es überlebenswichtig, diese Welt zu verstehen. Doch es stellt sich heraus, dass dieses Wissen es kaum leichter macht, darin zurechtzukommen. Sie müssen immer wieder an ihre Grenzen gehen oder diese gar überschreiten. Daran wachsen sie. Janas Krankheit und Renés Behinderung führen nicht dazu, dass die beiden irgendwie hervorgehoben oder geschont werden. Zumindest Lisa ist das völlig egal, wenn sie etwas doof findet, meckert sie, ob der Betreffende etwas dafür kann oder nicht. Es gefiel mir, dass das so selbstverständlich eingebaut war.

Die Gewebewelt ist völlig unvorhersehbar geschildert. Niemand weiß, was im nächsten Moment geschehen wird, und so werden auch die Leser*innen immer wieder überrascht. Ich muss gestehen, dass mir keiner der Charaktere besonders sympathisch war, am ehesten Jana. Aber: Die Figurenkonstellation funktioniert. Myst wirkt von Anfang an merkwürdig, einerseits sympathisch, andererseits ist klar, dass er etwas verbirgt. Das habe ich ähnlich wie die Schüler*innen empfunden. Natürlich mochte ich Montavio, den Geist, und den Drachen Pedenius, der eine ganz andere Identität verbirgt.

Ich muss zugeben, dass ich anfangs verwirrt war und das Buch sogar einige Tage beiseite legte. Doch dann erschloss sich mir die geschilderte Welt immer mehr, ich begann zu ahnen, wie sie funktioniert, und die merkwürdigen Ereignisse vermochten mich zu fesseln. Es stellt sich heraus, dass es in dieser Welt keine Gewissheiten gibt und man mit allem rechnen muss. Das machte das Buch sehr spannend.

Die Kapitel sind ziemlich kurz, was mich anfangs etwas irritierte. Der flüssig zu lesende Text hat einen hohen Anteil von wörtlicher Rede, die glaubhaft nach Jugendlichen bzw. altem weisen Mann klingt.

Fazit: Die Gewebewelten sind eine (alb-)traumhafte Welt voller Gefahren und merkwürdiger Entwicklungen, in der eine Gruppe von Jugendlichen lernen muss, trotz ihrer Abneigung zusammenzuarbeiten und sich gegenseitig zu unterstützen. Ein Buch, das vor Fantasie und ungewöhnlichen Einfällen sprüht und die Leser*innen immer wieder überrascht. Leser*innen ab 14, die es mögen, in ungewöhnliche, faszinierende Welten abzutauchen, werden ihren Spaß haben.

Nicole Rensmann: Gewebewelten. Atlantis Verlag 2020. 230 Seiten, Euro 16,90, ISBN 978-3-86402-700-0.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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