Angie Thomas: The Hate U Give

Aufwachsen zwischen zwei Welten

Starr ist 15 und schwarz. Sie lebt in einem schlecht beleumdeten schwarzen Viertel, das von zwei rivalisierenden Gangs beherrscht wird. Als einige von wenigen Schwarzen besucht sie eine angesehene Schule in einem guten Viertel. Im Laufe der Jahre hat sie  gelernt, sich an ihre jeweilige Umgebung anzupassen. In der Schule achtet sie beispielsweise sehr auf ihre Sprache, damit sie bloß nicht als Ghetto-Kid rüberkommt. Dafür kann sie tanzen, wie sie will, weil ihre weißen Mitschüler*innen jeden Move einer Schwarzen für cool und angesagt halten. Im heimischen Viertel dagegen muss sie aufpassen, dass sie nicht eingebildet wirkt.

Als sie sich von ihrem Kindheitsfreund Khalil, der fast wie ein Bruder für sie ist, im Auto mit nach Hause nehmen lässt, geraten sie in eine Polizeikontrolle, in deren Folge der weiße Polizist Khalil erschießt. Starr ist wie erstarrt. Erinnerungen kommen hoch: Als kleines Kind hat sie miterlebt, wie ihre Freundin auf der Straße erschossen wurde. Anfangs versucht sie, ihr Leben einfach weiterzuleben. Doch dann merkt sie, dass Khalil als Schuldiger hingestellt wird. Der schwarze Junge muss einfach etwas gemacht haben, um den weißen Polizisten zu provozieren. Starr muss sich entscheiden. Schließlich beschließt sie, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit Khalil Gerechtigkeit widerfährt. Der Kampf beginnt.

Es war einmal ein Junge mit haselnussbraunen Augen und Grübchen. Für mich war er Khalil. Für die Welt ein Thug.

Trauer und Wut

Was für ein großartiger, berührender Roman! Ich muss das einfach vorneweg schon sagen. Starrs Geschichte ist absolut glaubwürdig und wirkt authentisch. Da sie eine weiße Schule besucht und einen weißen Freund hat, gelingt es, viele konfliktreiche Themen im Zusammenleben von Schwarzen und Weißen in den USA anzusprechen, ohne dass es gezwungen oder aufgesetzt wird.

Starr kennt das Luxusleben ihrer Klassenkameraden, aber auch die gutsituierte Wohngegend ihres Onkels. Dennoch mag sie ihr Viertel und die Menschen, die dort leben, trotz aller Schwierigkeiten. Sie beschreibt ihre Familienmitglieder, die Nachbarn, Geschäftsleute und Freunde der Familie mit ihren kleineren oder größeren Marotten warmherzig und liebevoll. Doch da sie den Vergleich hat, sieht sie auch sehr genau, wo die Probleme liegen: Die Jugendlichen haben wenig Perspektiven und werden schnell von der einen oder anderen Gang rekrutiert. Ein Junge wie Khalil, der Drogen verabscheut, weil er von klein auf die Drogensucht seiner Mutter miterlebt hat, wird zum Kleindealer, weil er nur so an Geld kommt, um seine kranke Großmutter zu unterstützen.

Besonders beeindruckt und bedrückt hat mich, dass die schwarzen Kinder schon von klein auf lernen, wie sie sich bei Polizeikontrollen verhalten sollen. Dass das offensichtlich notwendig und sinnvoll ist, haben die Nachrichten der letzten Monate leider immer wieder gezeigt.

Hart, aber realistisch

Die Schilderung der Menschen und der Lebensverhältnisse ist in diesem Roman nie einseitig, sondern immer facettenreich. So entsteht ein glaubhaftes und vielschichtiges Bild der Gesellschaft. Das war meine Empfindung beim Lesen. In andere Rezensionen habe ich jedoch die Kritik gelesen, dass das Buch einseitig sei, da die Sichtweise des Polizisten nicht geschildert werde. Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Dies ist ein Roman, der aus der Sicht eines schwarzen Mädchens geschrieben ist, das die Erschießung seines Freundes miterleben musste. Da kann man wirklich nicht erwarten, dass dieses Mädchen verständnisvoll die Ängste des Polizisten überdenkt. Dennoch kommen diese in Unterhaltungen zur Sprache – dass Starrs Onkel ebenfalls Polizist ist, ist dramaturgisch geschickt gewählt. Auch der anderen Seite wurde Raum gegeben, zum Beispiel indem der Vater des Polizisten im Fernsehen spricht. Dass die Charaktere im Buch diese Sichtweise nicht nachvollziehen können, war für mich als Leserin mehr als verständlich. Alles andere hätte die Geschichte unglaubwürdig gemacht.

Nicht meine Kritik

Es wird ebenfalls kritisiert, dass Vorurteile von Schwarzen gegen Weiße geschildert werden. Ja, das ist doch logisch? Es geht hier doch nicht um die Darstellung einer idealen Welt, sondern um die US-amerikanische Gesellschaft in irgendeiner Großstadt. Schwarze und Weiße leben in anderen Vierteln, fast schon anderen Welten, und haben wenig Berührungspunkte. Starrs Vater flippt aus, als er erfährt, dass seine Tochter einen weißen Freund hat und ihre schwarzen Freunde stehen Chris ebenfalls skeptisch gegenüber und konfrontieren ihn mit Sprüchen. Das halte ich nicht für abwegig, sondern für erwartbar.

Ich habe das Gefühl, hier wird bei manchen Leser*innen ein wunder Punkt berührt. Die Wahrheit ist nun mal nicht immer angenehm, muss aber dennoch angesprochen werden. Und Schilderungen der Sicht aus der anderen Perspektive gibt es auch, an anderer Stelle.

Anspruchsvolle Sprache

Ich habe ein wenig gebraucht, um in die Geschichte zu kommen, doch ab einem gewissen Punkt war ich absolut gefesselt. Die Sprache ist nicht immer ganz einfach, es werden auch recht häufig Slang-Ausdrücke verwendet, die in einem Glossar am Ende erklärt werden.

Fazit: Ich schreibe das nicht oft, doch ich finde, dass jede*r dieses Buch lesen sollte. Die Lebenswirklichkeit vieler Schwarzer in den USA wird glaubwürdig und nachvollziehbar geschildert; die Problematik der Polizeigewalt, die Angst davor und die teilweise hilflosen Reaktionen danach kann ich nun viel besser verstehen.

Angie Thomas: The Hate U Give. Aus dem amerikanischen Englisch von Henriette Zeltner. cbj 2018. 528 Seiten, Euro 9,99, ISBN 978-3570312988.

The Hate U Give wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 ausgezeichnet.

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