Adam Sass: Kein Paradies für Connor Major (vom Schreibtisch)

Wieder einmal habe ich etwas aus meiner Kategorie „vom Schreibtisch“ zu berichten. Beim Second Chances Verlag, für den ich arbeite, ist erstmals ein Jugendbuch erschienen, ein Jugendthriller, um genau zu sein. Ich hatte schon die englische Version gelesen und war sofort von dem Buch begeistert, da es zum einen überaus spannend ist und zum anderen wichtige Themen anspricht. Seit das Buch zur Schlussredaktion wieder bei mir vorbeikam, weiß ich, dass mich auch die deutschsprachige Version überzeugt.

Coming-out mit schlimmen Folgen

Der siebzehnjährige Connor Major lebt im ländlichen Illinois weit ab von allem, was jungen Menschen Spaß macht. Leider hat er es auch ziemlich weit zu seinem Freund Ario, sodass er ihn nur selten sehen kann. Das erst recht, seit er sich seiner streng religiösen Mutter gegenüber geoutet hat – seitdem hat er Hausarrest und Handyverbot. Nur am Wochenende kommt er raus, um seinem Ferienjob als Lieferant bei Essen auf Rädern nachzugehen.

Doch als er noch denkt, ohne Ario, Handy und Internet leben zu müssen, wäre das Schlimmste, was ihm passieren könnte, stirbt erst der alte Mann, Ricky, den er mit Essen beliefert, dann wird er auf eine costa-ricanische Insel entführt. Dort soll ihm sein „abartiger schwuler Lebensstil“ ausgetrieben werden. Als er dahinter kommt, dass es sich um ein Konversionstherapie-Camp für Jugendliche handelt, das schon seit Jahrzehnten betrieben wird, ist er entsetzt. Er will Ario nicht aufgeben, er will nicht tun, was man von ihm verlangt. Andererseits … wenn er so tut als ob, ist er vielleicht ruck, zuck wieder daheim? Schließlich entdeckt er, dass auch Ricky früher in diesem Camp war. Hat sein Tod etwas damit zu tun? Obwohl es gefährlich ist, lässt Connor sich nicht davon abhalten, heimlich zu ermitteln.

Gib deine Sünden auf!

Ziel der Konversionstherapie ist es, dass die Jugendlichen in Nightlight, so heißt das Camp, erkennen, dass sie ein sündhaftes Leben geführt haben, um dann heterosexuell zu leben. Sie müssen Notizen über ihr bisheriges Leben machen, um herauszufinden, was sie auf ihren „falschen Weg“ geführt hat. Das Leben auf der Insel, die zum größten Teil von undurchdringlichem Urwald bedeckt ist, ist sehr einfach, es gibt keinerlei Luxus. Vor Gewalt schrecken die Betreuer:innen nicht zurück. Die Aussicht, dort Tage, Wochen oder gar Monate verbringen zu müssen, ist für Connor und seine Leidensgenoss:innen ein Albtraum. Sie planen die Flucht.

Die Geschichte wird von Connor erzählt – direkt von der Insel und in Rückblicken auf sein früheres Leben. Connor ist ein sehr glaubwürdiger Protagonist. Wir erfahren, wie er seine sexuelle Orientierung entdeckte, von seiner ersten Liebe, seinen Versuchen, das Beste aus seinem Leben zu machen, bis er seinen Abschluss hat und das Haus verlassen kann. Seine Wünsche und Träume sind nachvollziehbar. Er ist genervt von Hausarrest und Handyverbot, doch als er auf die Insel verschleppt wird, erkennt er, dass das noch harmlos war gegenüber dem, was ihn dort erwartet.

Connor hat eine große Klappe, die ihm immer wieder Ärger einbringt. Er denkt nicht daran aufzugeben und handelt zunächst nur in seinem eigenen Interesse: Er will runter von dieser schrecklichen Insel, aber vorher will er noch herausfinden, was mit Ricky geschehen ist. Doch sobald er die anderen Campbewohner:innen kennenlernt, schwankt sein Entschluss.

Eine gefährliche Mission

Die Geschichte handelt von Freundschaft, Zusammenhalt, erster Liebe und der Entdeckung und dem Ausleben der eigenen sexuellen Orientierung. Aber auch von Gewalt, Hass, Mord und Selbstmord (an dieser Stelle daher eine Triggerwarnung). Sie ist hoch spannend, sie berührt und macht wütend. Es gibt jedoch auch leise und glückliche Momente, die die Leser:innen durchatmen lassen und, vielleicht überraschend, manchmal etwas zum Lachen. Was ich ganz wichtig finde: Es gibt auch Hoffnung.

Die Geschichte von Connor und seinen homosexuellen Freund:innen ist nicht immer einfach zu lesen. Manchmal überwältigte mich der Zorn darüber, wie mit den  Jugendlichen umgegangen wird. Sie wollen nichts anderes, als ein glückliches, selbstbestimmtes Leben führen, aber ihre Familien wollen lieber Kinder, die der Norm entsprechen. Also müssen die Kinder leiden, damit ihre Eltern zufrieden sind oder ihr Gesicht nicht verlieren.

Own-Voice-Autor Adam Sass erhielt etliche Preise und Nominierungen für sein Erstlingswerk.

Ich kann mir vorstellen, dass das Buch aufgrund der angesprochenen Themen nicht für alle geeignet ist. Doch da am Ende gezeigt wird, wie es den Jugendlichen nach Nightlight ergeht, überwiegt für mich die Hoffnung.

Fazit: Ein Thriller für Jugendliche ab 14 Jahren, der bewegt, wütend und fassungslos macht, aber auch Hoffnung in sich trägt. Überaus spannend, toll geschrieben und mit einem wichtigen Thema.

Adam Sass: Kein Paradies für Connor Major. Aus dem Englischen von Hannah Revilo. Second Chances Verlag 2021. 500 Seiten, ISBN 978-3-96698-719-6, Euro 16,99/9,99.

Hinweis: Das E-Book ist bereits erschienen, der Erscheinungstermin der Printausgabe verschiebt sich aufgrund des Papiermangels auf den 25. November.

Bei der Buchhandlung Graff gibt es eine Signieraktion – wer interessiert ist, bitte dort bestellen.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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