Rezension. Susan Kreller: Elektrische Fische

Aus der Großstadt aufs platte Land

Nachdem ihre Eltern sich getrennt haben, muss Emma mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern aus Dublin wegziehen, nach Deutschland, wo ihre Mutter herstammt. Diese ist damals von ihrem Au-Pair-Aufenthalt in Irland einfach nicht zurückgekehrt und hat den Kontakt zur Familie weitgehend abgebrochen. Nun lebt Emma bei den ihr unbekannten Großeltern auf dem platten Land in Mecklenburg-Vorpommern. Sie vermisst ihre Freund, ihre Sprache, ihre irischen Großeltern, die gewohnte Umgebung und auch ihre alte Schule. Ihren Vater, einen Alkoholiker, vermisst sie allerdings weniger.

In Mecklenburg findet Emma fast alles schrecklich. Die Großeltern sind äußerst distanziert und immer noch verärgert über ihre Tochter, die nervöse Mutter auf der Suche nach Arbeit, um finanziell unabhängig von ihren Eltern zu werden. Die kleine Schwester Aoirse redet seit der Ankunft kein Wort mehr, nur Emmas großer Bruder Dara scheint sich rasch einzuleben.

Emma beschließt, abzuhauen und nach Irland zurückzukehren. Ein Hilfsangebot kommt von ihrem Klassenkameraden Levin, der ein Außenseiter zu sein scheint wie sie. Doch das muss alles sorgfältig geplant werden. Wie kommt man beispielsweise auf eine Fähre, ohne nach dem Ausweis gefragt zu werden? Bis der Plan steht, dauert es …

Verstörte Kinder

Dieses Buch besteht überwiegend aus unglücklichen Menschen in tristen Lebenssituationen und dennoch ist die Lektüre nicht traurig oder niederschmetternd, sondern berührend und trotz des Fehlens von „Action“ fesselnd.

Emma hat einen zupackenden Charakter. Sie ist einfach nicht der Typ, der sich verkriecht wie ihre kleine Schwester. Dennoch hat sie zunächst einmal eine Anti-Haltung. Sie will alles blöd finden und, zugegeben, vieles läuft auch wirklich nicht gut. Es wundert also nicht, dass sie monate damit verbringt, verzweifelt zu überlegen, wie sie zurück nach Irland kommen könnte.

Levin ist ein ziemlicher Außenseiter, der Emma zuerst wegen seiner Band-T-Shirts auffällt. Es stellt sich heraus, dass auch er familiäre Probleme hat, die Emma zunächst ziemlich schocken. Sie ist aber sehr froh, dass wenigstens er mit ihr redet und sehr einfallsreich und tatkräftig ist, was ihre Fluchtpläne angeht. Mit der Zeit findet sie ihn immer sympathischer.

Aoirse muss einem einfach leid tun. Niemand spricht ihren Namen richtig aus, selbst die Großeltern bekommen das auch nach Monaten nicht hin. In der Schule kommt sie schon deswegen nicht an. Dennoch findet sie eine Freundin, der es nichts ausmacht, dass sie nicht redet.

Unglückliche Erwachsene

Ein etwas schriller Charakter ist die Nachbarin im immer gleichen klischeehaften Jogginganzug. Sie hetzt am Küchentisch der Großeltern über Ausländer, wobei Irland gerade noch so halbwegs geht, kümmert sich aber hartnäckig und hingebungsvoll um Aoirse, was weder die Mutter noch die Großeltern schaffen.

Die Großeltern sind sehr abweisend, was gegenüber ihrer Tochter sehr gut nachzuvollziehen ist. Diese ist vor Jahren einfach verschwunden, hat ihnen die Enkel vorenthalten, taucht nun einfach wieder auf und ist auf Unterstützung angewiesen. Ihre Enkel, die für das alles nichts können, mit offenen Armen aufzunehmen, schaffen sie einfach nicht. Es dauert auch bei ihnen, bis sie auftauen. Sie sind eher verschlossene Typen. Wie sie den Kindern durch kleine Gesten zeigen, wie wichtig sie ihnen sind, und was sie sich dafür einfallen lassen, ist sehr berührend geschildert.

Die Mutter ist von Anfang an eine Antifigur. Warum tut sie ihren Kindern so etwas an? Irgendwann erklärt sie Emma, was die Alternative zu Mecklenburg gewesen wäre: ein billiges, verrufenes Wohnviertel in Dublin, dessen Bewohner von vornherein als Kriminelle abgestempelt werden. An diesem Punkt beginnt man, sie und ihre Entscheidung zu verstehen.

Triste Landschaft?

Wir erleben die Menschen und die Landschaft durch Emmas Augen. Sie sieht plattes Land, teilweise verlassene Dörfer mit verfallenen, unansehlichen Häusern und leerstehenden, verrammelten Geschäften und findet alles trostlos. Nicht einmal das Meer fühlt sich wie in Irland an. Zunächst will sie alles negativ betrachten, aber im Laufe der Zeit erkennt sie, dass manches noch eine zweite Seite hat. Nicht alles ist so schlimm ist, wie es ihr zunächst erschien. Vor allem das geliebte Meer gibt ihr Kraft. Doch dann passiert etwas, was alles auf den Kopf stellt.

Das Buch stellt sehr schön da, wie sich Emmas Haltung von krasser Abwehr über vorsichtige Neugier hin zu Akzeptanz wandelt. Ihre Geschwister zeigen, welch andere Wege es gibt, mit solch einer Situation umzugehen. Ihr älterer Bruder Dara stürzt sich sofort ins pralle Leben, findet Freunde, hat eine Freundin und macht bei den Saufpartys der Dorfjugend mit. Er versucht, möglichst schnell anzukommen. Aoirse verweigert sich total, spricht nicht, ist abweisend und macht sehr deutlich, wie unglücklich sie ist.

Gefühlswelt wird seziert

Es gelingt der Autorin hervorragend, die Zerrissenheit, die Verlassenheit, die Einsamkeit und die Traurigkeit ihrer Figuren darzustellen. Auch die Landschaftsschilderungen finde ich sehr gelungen. Man kann sich die Felder, über die der eisige Winterwind fegt, die sommerlich heißen, staubigen Straßen, das halb verlassene Dorf mit der lehrstehenden Gastwirtschaft und dem ehemaligen Konsum, den Blick über die weite Landschaft gut vorstellen. Auch die Charaktere werden mit scharfem Blick beschrieben.

Eindringlich und durchaus auch spannend schildert das Buch, wie Emma mit dem erzwungenen Umzug umgeht, ihn verarbeitet und neuen Lebensmut gewinnt. Was braucht es, um einen Ort Heimat nennen zu können?

Elektrische Fische ist in der Kategorie Jugendbuch für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Fazit: Auch wenn in dem Buch vermeintlich nicht so viel geschieht, ist es sehr fesselnd, die Entwicklung von Emma, Dara und Aoirse mitzuerleben. Wird Emma die Flucht gelingen? Der intensiv beobachtende Blick der Autorin bringt viele Details zutage, die die Gefühlswelt der verstörten und traurigen Protagonistin zeigen. Leser*innen ab 12 Jahren werden sich gut in Emma hineinversetzen können.

Susan Kreller: Elektrische Fische. Carlsen 2019. 192 Seiten, Euro 15,00, ISBN 978-3-551-58404-5.

Ich werde versuchen, alle Bücher zu besprechen, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert sind. Auf einer Übersichtsseite sammele ich Links zu allen Rezensionen.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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