Judith Burger: Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer (Rezension)

Das Ende der Kindheit?

Wie immer ist Asta, 12, voller Vorfreude auf ihren Sommer in Geschrey an der Wipper. Seit vielen Jahren verbringt sie dort die Ferien mit ihren Eltern, die eine Aufführung auf der Waldbühne inszenieren. Jeden Sommer verbringt sie dann viel Zeit mit ihrem Freund Ringo, 13. Dieses Jahr wird der Aufenthalt allerdings ganz besonders sein, da Asta zum ersten Mal eine Rolle übernommen hat. Sie träumt von ihrem Auftritt und dem Beifall der Zuschauer.

Doch dann kommt alles irgendwie anders. Ringo ist, wie sie auch, in die Länge geschossen und hat sich verändert. Weil der Kindergarten in Geschrey geschlossen wurde, muss er andauernd auf seine kleine Schwester Lucy aufpassen. Außerdem wollen seine Eltern, dass er ständig lernt, weil seine Noten nicht berauschend waren. Auch Asta hat nicht so viel Zeit wie sonst, denn sie muss an den Proben teilnehmen. Aber das alles ist nur vordergründig das Problem. Viel schlimmer ist, dass die Chemie zwischen den beiden gestört scheint. Beide haben bestimmte Erwartungen, die der jeweils andere nicht erfüllen kann oder will. Die ohnehin seltenen Treffen enden daher immer wieder in einem Missklang. Als Astas Theatertraum zerplatzt, aber gleichzeitig Ringo sich als Naturtalent erweist und für sie einspringt, sieht es so aus, als würde ihre Freundschaft das nicht verkraften.

Zerplatzte Träume

Noch im Zug nach Geschrey weiß Asta genau, was sie von diesem Sommer erwartet. Sie möchte sehr viel im See baden, Eis essen, mit Ringo herumblödeln und natürlich Theater spielen und dabei großen Erfolg haben. Doch es stellt sich heraus, dass in diesem Sommer nichts zu sein scheint wie immer.

Das macht Asta traurig. Dass sie auf der Bühne plötzlich wie gelähmt ist, wo sie die Rolle im heimischen Wohnzimmer doch wunderbar beherrscht hatte, frustriert sie sehr. Dass plötzlich Ringo ihren Platz einnehmen soll, der sie eigentlich nur abgehört hatte, damit wird sie nicht fertig. Sie ist verletzt, neidisch, wütend, trotzdem mag sie Ringo nach wie vor sehr. Ihre Gefühle fahren Achterbahn. Sie sagt verletzende Dinge, die sie sofort bereut, aber nicht zurücknehmen kann. Asta weiß nicht mehr, was sie will und fühlt sich völlig fehl am Platze. Sie stellt fest, dass sie sich nur an einem Ort richtig wohl fühlt: im kalten Wasser des Sees. Nur beim Schwimmen und Tauchen ist sie vollkommen glücklich.

Auch Ringo fühlt sich nicht immer wohl in seiner Haut. Vor allem versteht er nicht, was in Asta gefahren ist. Früher haben sie sich doch immer so gut verstanden? Ja, er muss auf seine Schwester aufpassen und lernen, aber die restliche Zeit könnten sie doch nutzen? Außerdem hat er seine eigenen Probleme, zum Beispiel die Streitigkeiten zwischen seinen Eltern, mit denen er fertigwerden muss.

Ringo nickt. Dann hebt er seinen Arm und im ersten Moment denke ich, er will mich umarmen, und trete automatisch einen kleinen Schritt zurück. Rot werde ich auch. Aber Ringo kratzt sich nur am Kopf und sagt einfach: „Tschüss.“ Ich muss daran denken, dass sich Mama und Papa an dieser Stelle einen Kuss gegeben hätten.

Da Asta die Geschichte erzählt, erfahren wir Ringos Sicht nur über sie und mit ihren Einschätzungen, sodass wir ihn nicht so genau kennenlernen wie Asta. Sie projiziert ihre Gefühle auf ihn, deswegen stellt sich manchmal erst später heraus, dass sie eine Situation falsch eingeschätzt hat. Vor allem macht sie sich viele Gedanken: Warum hat sich alles verändert? Sie selbst, Ringo, ihre Beziehung zueinander, selbst in Geschrey ist vieles nicht mehr wie gewohnt, angefangen damit, dass es Lavendel- statt Schlumpfeis in der Eisdiele gibt. Mit zwölf Jahren steht Asta an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Es ist in diesem Alter ganz normal, dass sich die Gefühlswelt verändert, die Wünsche und Träume, dass man Fehler macht und damit fertigwerden muss. Das werden alle Leser*innen kennen und sich daher sehr gut in die Protagonistin hineinempfinden können.

Gefühlschaos

Ich finde, dass Astas Gefühls-Auf-und-ab sehr fein geschildert wird. Beispielsweise sagt Asta etwas, was sie hinterher bereut und macht sich dann viele Gedanken, wünscht sich, sie könnte die Zeit zurückdrehen und es ungesagt machen – etwas, was sicherlich jede*r kennt und deshalb hervorragend nachvollziehen kann.

Freundschaft, die Herausforderungen des Erwachsenwerdens, die Suche nach dem eigenen Ich, sind sicherlich die wichtigsten Themen des des Buches. Aber auch der Umgang mit Neid spielt eine große Rolle. Neid, für den man sich schämt, weil man es eigentlich der anderen Person gönnt oder gönnen sollte, der aber trotzdem existiert.

Die Sprache ist präzise, meist locker und umgangssprachlich, wie eben ein Mädchen in Astas Alter sprechen würde. Das finde ich gut gelungen und weder anbiedernd noch unpassend. Die etwa gleichaltrigen Leser*innen sollten sich gut darin wiederfinden. Die Charaktere sind glaubhaft und realistisch geschildert, man kann sich problemlos vorstellen, einem von ihnen zu begegnen.

Das Buch hat viele nachdenkliche Passagen, aber trotzdem passiert auch einiges: nächtliche Treffen, Ausflüge an den See, Proben, Streit und Diskussionen mit den Eltern … Und auch das Schmunzeln kam nicht zu kurz. Das sorgte dafür, dass ich regelrecht in die Handlung hineingesogen wurde. Eine ausgesprochen kurzweilige Lektüre!

Fazit: Ein wunderbar einfühlsames Buch übers die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens aus der Sicht der zwölfjährigen Asta. Es ist geeignet für Leser*innen ab zehn Jahre, die vieles aus ihrem Leben und ihrer Gefühlswelt wiedererkennen werden.

Judith Burger: Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer. Gerstenberg 2021. 176 Seiten, Euro 14,00, ISBN 978-3-8369-6112-7.

Andere Bücher von Judith Burger: Gertrude grenzenlos (zur Rezension), Roberta verliebt (zur Rezension).

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